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Wheaty_Klaus_Gaiser_klein.JPGKlaus, seit 23 Jahren stellst Du vegane Fleischalternativen aus Seitan her, die inzwischen europaweit verkauft werden. Erkennst Du den Szene-Pionier im heutigen Unternehmen überhaupt noch wieder?

Ja, wir bleiben unseren Wurzeln treu! Wir sind zwar gewachsen und vieles hat sich verändert, aber Wichtiges ist gleich geblieben. Ich fing ja schon 1980 an, stellte damals den ersten Bio-Tofu aus regionalen Sojabohnen her. Seit 1993 stelle ich mit der Firma TOPAS Erzeugnisse aus Seitan her, die von Anfang an unter dem Markennamen Wheaty bekannt wurden. Noch heute entwickle ich alles selbst. Und auch wenn die Produktionsleistung enorm gestiegen ist – wir produzieren momentan täglich bis zu sieben Tonnen mit steigender Tendenz –, gilt unser Nachhaltigkeits-Versprechen nach wie vor. Daran hat sich nichts geändert.

Wheaty wurde von verschiedenen Tierrechts- und Vegetarier-Organisationen mit Preisen ausgezeichnet, unter anderem vom VEBU.

Ja. Zweimal, 2007 und 2008, haben wir von der Tierrechtsorganisation PETA den "Progress Award" bekommen, der "für tierischen Fortschritt" steht. Auch in England und Frankreich haben unsere Produkte Preise erhalten. In Deutschland hat der VEBU uns zweimal den Vegetarischen Innovationspreis verliehen, einmal 2003 für unsere Bauern-Knacker, und 2009 für unsere Chorizo-Produkte.

Die Anerkennung des VEBU wollt ihr nun aber nicht mehr: Du gibst die Preise zurück, TOPAS tritt aus dem Vegetarierbund aus. Warum?

Seit der Veganismus im Mainstream angekommen ist, hat der VEBU damit angefangen, mit Fleischkonzernen zu kooperieren; sein "Business-Team" berät diese Unternehmen bei der Einführung vegetarischer und veganer Alternativprodukte und sie bekommen das Logo "Unterstützt vom VEBU", ohne dass vorausgesetzt oder gesichert wäre, dass dabei die Fleischwarenproduktion reduziert wird.

Bist Du grundsätzlich dagegen, dass Fleischkonzerne auch vegane Alternativen anbieten?

So kann man das nicht sagen. Anfang letzten Jahres wurde ich gefragt, wie ich zu den neuen industriellen Mitbewerbern stehe. Ich sagte, dass man das von zwei Seiten betrachten muss: Einerseits haben diese Konzerne viel Schlimmes angerichtet und wollen nun einfach auch auf der vegetarischen Seite "absahnen" und haben dabei mit ihren bisherigen Geschäften so viel Geld gemacht, dass sie mit ihrer durchrationalisierten Maschinerie uns Vegan-Pioniere preislich locker an die Wand drücken können. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist: Wenn wirklich im großen Stil etwas für die Tiere und die Umwelt erreicht werden soll, müssen genau diese Konzerne das Ruder herumreißen. Das tun sie aber offensichtlich nicht.

Der deutsche Markt für Wurst aus Fleisch schrumpft aber ja tatsächlich, während Veggie-Produkte zulegen. Sind das nicht Anzeichen für einen Wandel?

Die Fleischproduktion ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, 2015 waren es über acht Millionen Tonnen, so viel wie noch nie zuvor. Der Überschuss wird ins Ausland exportiert. Dazu kommt, dass die vegetarischen Alternativen der Fleischkonzerne zu einem großen Teil aus Hühnerei-Eiweiß bestehen. Daher sterben für vegetarische Mortadella mehr Tiere als für die Mortadella aus Fleisch – ein geschlachtetes Schwein bei der Fleisch-Variante steht rechnerisch elf getöteten Hühner bei der vegetarischen gegenüber.[1] Wie der VEBU das unterstützen kann, ist uns schleierhaft.

Hier scheinst Du einer Meinung zu sein mit Andreas Bender. Er betreibt Deutschlands einzige vegane Werbeagentur und Druckerei, hält aber seit September vergangenen Jahres bundesweit Vorträge zum Thema Fleischalternativen.

Richtig. Auch er analysiert, dass die Fleischkonzerne eben lediglich einen neu entstandenen Markt mit neuen Produkten bedienen, ohne erkennbar das Blutvergießen einzuschränken. Die Verdrängung, die derzeit stattfindet, könnte sogar dazu führen, dass in ein paar Jahren Schlachtkonzerne den Markt für vegetarisch-vegane Fleischalternativen beherrschen.[2] Weshalb sollten wir da als mittelständisches, rein veganes Unternehmen noch einer Organisation angehören, die die Fleischindustrie darin noch unterstützt? Wenn der VEBU Fleischkonzernen dabei hilft, Vegan-Hersteller an die Wand zu drücken, müssen wir jedenfalls aussteigen!

Foto und Interview: Matthias Rude

Anmerkungen:

[1] Der Stern-Journalist Derik Meinköhn hat das vorgerechnet: "Mortadella besteht zu 74% aus Fleisch. Also kann man theoretisch aus einem Schwein mit 90 kg Fleisch 121 kg Wurst herstellen. Vegetarische Mortadella besteht zu 70% aus Eiklar. Für die entsprechenden 121 kg Wurst würde man 84,7 kg Eiklar benötigen. 1 Ei wiegt 60 g und besteht aus 60% Eiklar. Also benötige ich für 84,7 kg Eiklar 2353 Eier. Ein Huhn legt 430 Eier in 1,5 Jahren, danach wird es geschlachtet, weil die Eierproduktion nachlässt. Also brauche ich theoretisch 5,5 Hühner um die benötigten Eier zu produzieren. Weil aber bei der Züchtung von Legehennen die männlichen Küken geschreddert werden, kommt man insgesamt auf 11 Tiere." – Das Original-Posting mit dieser Rechnung ist inzwischen nicht mehr öffentlich einsehbar, wird aber an diversen Stellen im Internet zitiert, beispielsweise hier oder hier.
[2] Die Tierrechtsorganisation Animal Rights Watch schreibt hierzu: "Ein verrückter Effekt: Der Vegan-Boom wird womöglich dazu führen, dass gerade die rein vegan produzierenden Hersteller, die zudem meist einen ethisch motivierten Hintergrund haben, zugunsten der Tierleidprofiteure in Nischenbereiche – wie etwa Bio-Märkte – zurückgedrängt werden oder komplett vom Markt verschwinden."