Würden alle so leben wollen wie derzeit die meisten Menschen in den Industrieländern, bräuchten wir bald eine zweite Erde. "Seit den frühen 1970er-Jahren ist die Nachfrage nach Ressourcen größer als das, was die Erde auf nachhaltige Weise reproduzieren kann. 2012 nahm die Menschheit in einem Jahr Ressourcen und Ökosystemleistungen in Anspruch, die einer Biokapazität von 1,6 Erden entsprechen", so der WWF in seinem aktuellen Living Planet Report. Deutschland verbraucht, umgerechnet auf die Weltbevölkerung, so viel, wie nur 2,6 Erden bereitstellen könnten. Da ihre eigenen nicht ausreichen, nehmen die Industriestaaten Biokapazitäten anderer Länder mit in Anspruch. So wird etwa allein in Südamerika Soja – übrigens in der Regel gentechnisch verändert – als Futtermittel für die deutsche Fleischproduktion auf einer gigantischen Fläche von zwei Millionen Hektar angebaut.

Fleisch frisst Land

Bei der Erkenntnis, dass eine Wirtschaft, die auf Tierhaltung setzt, weder nachhaltig noch effektiv ist, handelt es sich um eine so einfache wie alte Rechnung. Schon Alexander von Humboldt (1769-1859), Mitbegründer der Geografie und Vordenker einer globalisierten Wissenschaft, schrieb: "Dieselbe Strecke Landes, welche als Wiese, d. h. als Viehfutter, zehn Menschen durch das Fleisch der darauf gemästeten Tiere aus zweiter Hand ernährt, vermag – mit Hirse, Erbsen, Linsen und Gerste bebaut – hundert Menschen zu erhalten und zu ernähren." Die Herstellung von Tierprodukten beansprucht also generell deutlich mehr Fläche als die pflanzlicher Lebensmittel – und zwar keineswegs nur noch Grasland: Das heutige Kraftfutter besteht aus Weizen, Soja, Mais, Raps und anderen Getreiden und Ölsaaten.

Dass man Getreide, die für die menschliche Ernährung geeignet wären, einmal in riesigen Monokulturen als Futtermittel für die heimische Tierproduktion anbauen und um den halben Globus schippern lassen würde, konnte Humboldt sich im 19. Jahrhundert wohl kaum vorstellen. Genau das aber passiert heute in großem Stil. In Deutschland hat der Fleischkonsum sich in den letzten 160 Jahren vervierfacht. Das machte nicht nur eine Intensivierung der Tierhaltung notwendig, sondern bedeutete auch einen entsprechend höheren Bedarf an Futtermitteln. Diese müssen irgendwo angebaut werden; die Bundesrepublik nimmt dazu landwirtschaftliche Nutzflächen außerhalb ihrer eigenen Grenzen in Anspruch, laut der WWF-Studie Fleisch frisst Land in der Größe Bayerns. Die von der gesamten EU in anderen Teilen der Welt "okkupierte" Fläche von fast 29 Millionen Hektar entspricht ungefähr dem Territorium Italiens. Zur Erschließung neuer landwirtschaftlich nutzbarer Flächen werden riesige Regenwaldgebiete gerodet – mit verheerenden Folgen für die Artenvielfalt und das Weltklima. Neue Daten zeigen, dass 239 Millionen Hektar Naturwälder seit 1990 vernichtet worden sind, eine Fläche, mehr als sechseinhalbmal so groß wie Deutschland.

Umweg über das Tier

Von der Politik wird diese Praxis und das ihr zugrunde liegende System regelrecht protegiert. In Deutschland legt das zuständige Agrarministerium den Anbietern pflanzlicher Fleischalternativen sogar Steine in den Weg: Agrarminister Christian Schmidt sieht sich, wie das Handelsblatt schreibt, offenbar als "Sturmgeschütz der deutschen Fleischindustrie", wenn er "Fleischbezeichnungen" für vegane und vegetarische Produkte verbieten will. Das zum Jahreswechsel erschienene "Grünbuch" seines Ministeriums, in dem die Zukunft der Landwirtschaft verhandelt wird, zeigt: Es soll weitergehen wie bisher. Laut WWF müsste sich aber einiges ändern: "Die Förderung bzw. strukturelle Unterstützung einer Tierproduktion, die einerseits auf Export ausgerichtet und andererseits von massiven Futtermittelimporten abhängig ist, muss enden", fordert die Organisation etwa. Den Einzelnen fordert sie auf: "Essen Sie so oft wie möglich vegetarisch. Über 70 Prozent der globalen Landwirtschaftsfläche wird für die Tierhaltung beansprucht: Denn für die Produktion von einem Kilogramm Fleisch braucht es zwischen sieben und 16 Kilogramm Futtermittel – oft Getreide, Soja, Hülsenfrüchte oder Kartoffeln, die auch für die menschliche Ernährung geeignet wären. Es wäre sowohl mit Blick auf den Landverbrauch als auch auf die Welternährung viel effizienter, wenn wir pflanzliche Nahrungsmittel vermehrt direkt – ohne Umweg über das Tier – zu uns nehmen würden."

Tatsächlich geht bei der Fleischproduktion fast alles an Eiweiß und Kohlenhydraten, was eingesetzt wird, verloren. Um eine tierische Kalorie zu erhalten, müssen, je nach Tier, fünf bis 30 pflanzliche Kalorien verfüttert werden, was bei der Rinderhaltung einen Energieverlust von bis zu 90 Prozent bedeutet. Schon 2009 schätzte das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP), der Umstand, dass Getreide an Nutztiere verfüttert wird, statt direkt als Nahrung für Menschen verwendet zu werden, bedeute einen Verlust von so vielen Kalorien, wie 3,5 Milliarden Menschen zur Deckung ihres Kalorienbedarfs brauchen. Diese Zahl nimmt zu: UNEP geht davon aus, dass im Jahr 2050 etwa die Hälfte der weltweiten Getreideproduktion zur Tierfütterung verwendet werden wird.

Der Flächenverbrauch, der damit einhergehen würde, ist gigantisch. Im letzten Jahr haben österreichische Forscher errechnet: Kein einziger Baum müsste mehr für Ackerflächen und Weideland gerodet werden, um die Weltbevölkerung ausreichend zu ernähren – das Rezept dafür: Wenig bis gar kein Konsum von Fleisch und Tierprodukten. "Vegane Weltbevölkerung könnte ohne weiteren Waldverlust ernährt werden", titelte daraufhin die Zeitung Der Standard.

Emissionen ohne Ende

Wie eine Studie der Universität Wien zeigte, verursacht die Produktion eines Kilogramms Rindfleischs dieselben Treibhausgas-Emissionen wie eine Autofahrt von 1600 Kilometern – Schuld daran sei, so einer der beiden Autoren der Studie, vor allem der hohe Flächenverbrauch der Nutztierhaltung. Die Welternährungsorganisation (FAO) war 2006 der Meinung, dass die Tierhaltung direkt für 18 Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich sei – mehr als der globale Verkehr mit Autos, Eisenbahnen, Schiffen und Flugzeugen erzeugt. Die FAO hat dabei Dinge wie zum Beispiel die Fischaufzucht in Aquakulturen, die Folgen der industriellen Produktion von Medikamenten für die Tierhaltung oder die Emissionen der Abfälle aus der Tierhaltung nicht oder kaum einbezogen. Unter Berücksichtigung dieser und weiterer Faktoren kam das World Watch Institute drei Jahre später zum Ergebnis, dass die Produktion tierischer Nahrungsmittel sogar über die Hälfte der weltweit von Menschen zu verantwortbaren Treibhausgasemissionen verursache.

Der Beitrag der Tierhaltung zum Klimawandel, zur Zerstörung von Regenwald und zum Artensterben ist nicht das einzige Problem – hoher Wasserverbrauch sowie die Verschmutzung von Böden und Grundwasser sind weitere Folgen. Für ein Schweineschnitzel von 200 Gramm bezahlt man beim Discounter nur etwa einen Euro – für seine Produktion aber werden über 650 Gramm CO2-Äquivalente freigesetzt und fast 1200 Liter Wasser benötigt. "Diese Billigpreise kommen uns teuer zu stehen. Wir zahlen nicht nur den Preis an der Ladentheke, sondern auch die Steuern für die Agrarfördermittel und die Kosten zur Reparatur der Umweltschäden, die durch die agrarindustrielle Produktion entstehen. Angesichts der großen Mengen CO2, der Nitratbelastung des Grundwassers und des hohen Antibiotika-Einsatzes müsste Fleisch sehr viel teurer sein", so der BUND Deutschland.

Weltweite Umstellung notwendig

Immer lauter werden die Stimmen in der Bevölkerung, die eine Agrarwende fordern. Doch damit ist es nicht getan, wenn wir nicht auch das System grundlegend ändern, das stur auf Tierhaltung setzt. Selbst der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft stellt, was die Nutztierhaltung angeht, "erhebliche Defizite vor allem im Bereich Tierschutz, aber auch im  Umweltschutz" fest und bemerkt, dass sich momentan ein gesellschaftlicher Wandel vollzieht, wenn er schreibt: "In Kombination mit  einer veränderten Einstellung zur Mensch-Tier-Beziehung führte dies zu einer verringerten gesellschaftlichen Akzeptanz der Nutztierhaltung."

Hinsichtlich des Klimawandels heißt es in der bereits genannten UNEP-Studie: "Eine wirkliche Verringerung der Auswirkungen wäre nur mit einer grundsätzlichen, weltweiten Ernährungsumstellung möglich, weg von Tierprodukten"; die britische Zeitung The Guardian fasst das Ergebnis der Studie folgendermaßen zusammen: "Eine globale Umstellung auf eine vegane Ernährung ist von entscheidender Bedeutung, um die Welt vor Hunger, Energiearmut und den schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels zu retten."

 

Anmerkungen:

WWF: Living Planet Report 2016, S. 29. – Auch für die Palmölproduktion waren rund 400.000 Hektar in Indonesien  und Malaysia nötig; zum Thema Palmöl haben wir bereits 2012 eine ausführliche Recherche durchgeführt: Schmutziges Öl. Die Palmöl-Recherche, wheaty.de, 9.10.2012.

Hier zitiert nach: Armin Risi, Ronald Zürrer: Vegetarisch leben. Vorteile einer fleischlosen Ernährung, Zürich 2012, S. 83. – Vgl. Judith Baumgartner: Vegetarismus: Besser essen, besser sein, zeit.de, 21.5.2013.

WWF: Fleisch frisst Land, 2014, S. 36.

WWF: Living Planet Report 2014, S. 46, S. 48.

"Thus, taking the energy value of the meat produced into consideration, the loss of calories by feeding the cereals to animals instead of using the cereals directly as human food represents the annual calorie need for more than 3.5 billion people" (UNEP: The Environmental Food Crisis: The Environment's Role in Averting Future Food Crises, 2009, S. 27). – Vgl. GLOBAL 2000, SERI, Friends of the Earth Europe: Kein Land in Sicht. Wie viel Land benötigt Europa weltweit zur Deckung seines hohen Konsums, Wien, Februar 2013, S. 9.

"Large proportions of the world's crops are fed to animals and this is expected to increase to 40–50% of global cereal production in 2050" (UNEP: Assessing the Environmental Impact of Consumption and Production. Priority Products and Materials, 2010, S. 66).

Vegane Weltbevölkerung könnte ohne weiteren Waldverlust ernährt werden, derStandard.at, 25.4.2016. – Vgl. Karl-Heinz Erb, Christian Lauk, Thomas Kastner et al.: Exploring the biophysical option space for feeding the world without deforestation, in: Nature Communications 7, Article number: 11382 (2016), 19.4.2016.

Kurt Schmidinger, Elke Stehfest: Including CO2 implications of land occupation in LCAs—method and example for livestock products, in: The International Journal of Life Cycle Assessment, September 2012, Volume 17, Issue 8, pp 962–972.

Henning Steinfeld, Pierre Gerber, Tom Wassenaar u.a.: Livestock's Long Shadow. Environmental Issues and Options, FAO 2006, S. xxi.

World Watch Institute: Lifestock and Climate Change, 2009.

Vgl. z.B. Maja Beckers, Charlotte Dietz: Was Sie über Massentierhaltung wissen sollten, sueddeutsche.de, 3.3.2014.

"A substantial reduction of impacts would only be possible with a substantial worldwide diet change, away from animal products" (UNEP: Assessing the Environmental Impact of Consumption and Production. Priority Products and Materials, 2010, S. 82).

"A global shift towards a vegan diet is vital to save the world from hunger, fuel poverty and the worst impacts of climate change" (UN urges global move to meat and dairy-free diet, theguardian.com, 2.6.2010).

Florian Kolf: Kommentar zum Veggie-Streit: Es geht um die wahre Wurst, handelsblatt.com, 28.12.2016.

"Sojaschrot als wichtige Futterkomponente für die intensive Fleischerzeugung ist das wichtigste Agrarimportprodukt für die EU und Deutschland. 80 bis 90 Prozent des in Deutschland verfütterten Sojaschrots geht in die Fleischerzeugung, der Rest in die Milchproduktion" (Heinrich-Böll-Stiftung: Fleischatlas 2016: Deutschland Regional, Berlin 2016, S. 9).