Nicht allein aufgrund der enorm hohen Umweltbelastung kommt die Tierindustrie zunehmend in Verruf; mehr und mehr werden auch gesundheitliche Gefahren bekannt, die der Konsum tierischer Produkte mit sich bringt. Mit der Massentierhaltung gehen Tierseuchen wie etwa BSE einher – diese Gefahr ist übrigens keineswegs gebannt, sondern wird gerade im Moment wieder akut –, und immer wieder werden Rückstände von Giften (wie beispielsweise Dioxin) und Medikamenten festgestellt. Das vermehrte Vorkommen antibiotikaresistenter Keime ist zu einem großen Teil auf die Tierhaltung zurückzuführen: Es handelt sich um "tödliche Keime aus dem Stall". Die Zeit hat diesem Thema schon Ende 2014 ein großes Dossier gewidmet. "Mastanlagen sind Brutstätten für resistente Keime", so die Wochenzeitung. Kranke Tiere seien im "Schweinesystem" übrigens "die Regel, nicht die Ausnahme", so der studierte Tierarzt und foodwatch-Kampagnenleiter Matthias Wolfschmidt. Das ist auch kein Wunder: Die heutigen Nutztierrassen sind über Generationen hinweg auf Hochleistung gezüchtet worden, sprich: Das einzelne Tier soll immer mehr Fleisch, mehr Milch, mehr Eier in immer kürzerer Zeit produzieren, was zu zahlreichen gesundheitlichen Problemen führt. Die Turbo-Mast beispielsweise belastet Skelett und Gelenke der Tiere und verursacht schmerzhafte Entzündungen. Erst Anfang dieses Monats wurden deswegen Strafanzeigen gegen acht Betriebe aus den Bereichen Schweine-, Hühner,- Puten- und Milchviehzucht erstattet, da das Tierschutzgesetz sogenannte Qualzucht eigentlich verbietet. 

Mehr Fleisch, weniger Lebenszeit

Gesundheitliche Bedenken gibt es aber keineswegs nur bei Produkten aus Massentierhaltung – sie betreffen inzwischen Tierprodukte im Allgemeinen. So kamen kalifornische Wissenschaftler 2014 im Rahmen einer Studie, für die 6000 Menschen untersucht worden waren, zu dem Ergebnis, dass Diäten, basierend auf tierischem Eiweiß, im Gegensatz zu pflanzlichen so schädlich für die Gesundheit seien wie regelmäßiges Rauchen. Diese Schlussfolgerung war damals nicht unumstritten, jedoch kamen in den vergangenen Jahren weitere Studien zu ähnlichen Ergebnissen.

Schon 2012 hatte das Ärzteblatt gemeldet: "Der Verzehr von rotem Fleisch, sei es unverarbeitet als Schnitzel und Steak oder zu Wurst und Hamburgern verarbeitet, geht mit erhöhten Risiko einher, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs zu sterben." Dies wurde in der Folgezeit immer wieder bestätigt. Im Sommer 2016 etwa kam eine groß angelegte Studie, für welche die Daten von mehr als 130.000 Menschen ausgewertet wurden, zum Ergebnis, dass die Aufnahme von tierischen Proteinen mit einem höheren Risiko verbunden sei, frühzeitig zu sterben; wer sich hingegen von mehr pflanzlichem Eiweiß ernähre, habe eine größere Chance, gesund alt zu werden. Eine neue Studie aus Schweden hat kürzlich ebenfalls nachgewiesen, dass hoher Fleischkonsum die Lebenserwartung deutlich senkt – unabhängig davon, wie viel an gesundheitsfördernden Lebensmitteln wie Obst und Gemüse sonst noch gegessen werde. Die Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass zwei Wurstsemmeln oder ein Schnitzel am Tag ausreichen, um eine statistisch deutlich geringere Lebenserwartung zu haben. Eine Zeitung bringt das auf die Formel: "Mehr Fleisch, weniger Lebenszeit".

Von der Weltgesundheitsorganisation WHO wurden verarbeitete Fleischprodukte wie beispielsweise Wurst im Oktober 2015 in die Kategorie 1 der krebserregenden Stoffe aufgenommen, wo sich auch Tabakrauch, Asbest und Plutonium aufgelistet finden. Rotes Fleisch stufte die WHO – wie beispielsweise das Pflanzenschutzmittel Glyphosat – als "wahrscheinlich krebserregend" ein.

Neo-Kolonialismus und moderne Sklaverei

Apropos Glyphosat: Der Futtermittelanbau hat, vor allem in Lateinamerika, auch verheerende gesundheitliche Folgen für die in diesen Gebieten lebenden Menschen. Als Konsequenzen des flächendeckenden Pestizideinsatzes sind unter anderem Erbrechen, Durchfall, Allergien, Krebsleiden sowie Missbildungen dokumentiert. Außerdem findet für den Futtermittelanbau permanent erzwungene und teils offen gewaltsame Vertreibung der ländlichen und indigenen Bevölkerung statt.

Im ersten Teil beschrieben wir die Entwicklung, dass, weil ihre eigenen Biokapazitäten nicht ausreichen, um genug Futtermittel zu produzieren, die Industriestaaten zunehmend Flächen anderer Länder in Anspruch nehmen. Das führt dazu, dass dort nationale und internationale Unternehmen oder auch Regierungen immer öfter Menschen und ganzen Gemeinschaften den Zugang zum Land, das sie bisher genutzt haben, versperren, und so ihre Lebensgrundlage zerstören. Die UNO warnt angesichts der von transnationalen Konzernen betriebenen Aneignung landwirtschaftlicher Flächen in Entwicklungsländern bereits: "Ein Anstieg von Landgeschäften könnte eine Form von 'Neo-Kolonialismus' schaffen, mit armen Staaten, die für die reichen Nahrung produzieren, auf Kosten der eigenen hungernden Bevölkerung."

In den Industrieländern sind Agrarerzeugnisse hochsubventioniert, weshalb sie billig in Entwicklungsländer exportiert werden können; die dortigen Bauern können mit den niedrigen Preisen nicht konkurrieren. Die Hilfs- und Menschenrechtsorganisation medico international zitiert die Schriftstellerin Aminata Traoré, Sprecherin des "Forums für ein anderes Mali", mit den Worten: "Europa schickt uns seine Hühnerbeine, seine Gebrauchtwagen, seine abgelaufenen Medikamente und seine ausgelatschten Schuhe, und weil eure Reste unsere Märkte überschwemmen, gehen unsere Handwerker und Bauern unter."

In Europa selbst wird im industriellen Maßstab und im Sekundentakt geschlachtet – immer schneller, immer billiger, immer schmutziger. Erledigt wird das Gemetzel von einer "Geisterarmee aus Osteuropa" – und deren Arbeitsbedingungen gleichen moderner Sklaverei. "Schlechte Bezahlung, unwürdige Unterkünfte, Erniedrigung und Erpressung: Was sich in Schlachthöfen abspielt, ist für viele Kritiker mehr als Ausbeutung. Die Rede ist von Menschenhandel und organisierter Kriminalität", so die Süddeutsche Zeitung.

Tierische Verluste

Um all das zu verhindern, wäre in erster Linie die nationale und internationale Politik gefordert. Allerdings könnte ein grundlegender Wandel der Ernährungsgewohnheiten sicher zu Änderungen beitragen, etwa, was die "Auslagerung" der Nahrungsmittelproduktion in andere Länder betrifft.

Eine von der Regionalwert AG in Auftrag gegebene Studie aus dem Jahr 2011 beschäftigte sich mit der Frage, wie viel Fläche ein in Deutschland lebender Mensch pro Jahr beansprucht, um sich zu ernähren; sie kam zum Ergebnis, dass die eigenen landwirtschaftlichen Flächen nicht ausreichen würden, um die deutschen Bürger ausschließlich mit ökologischen und in Deutschland produzierten Lebensmitteln ernähren – jedenfalls nicht bei den momentanen Ernährungsgewohnheiten. "Würden wir unseren Speiseplan allerdings gesünder zusammenstellen und weniger tierische Produkte essen, wäre genug für alle da. Und dem Klima käme es auch zugute", so Atsuko Wakamiya von der Bürgeraktiengesellschaft.

Wie das Berliner Projekt „2000 m²“ anschaulich macht, stehen, wenn man die Ackerflächen der Erde durch die Weltbevölkerung teilt, jedem Menschen 2000 Quadratmeter für seine Ernährung zu. Ginge es gerecht zu und hätte jeder diese Fläche zur Verfügung, gäbe es keine Hungernden. Tierhaltung ist allerdings in diesem Modell nicht vorgesehen. In einem Artikel zum Thema schreibt die Zeitschrift Wiwo Green dazu: "Es dürfte nämlich der halbe Acker benötigt werden, um ein Schwein zur Schlachtreife zu ernähren, und das Tier müsste ja auf dem Feld noch leben. Für die Grundnahrungsmittel bliebe kaum mehr Platz. Das ist ein Pro-Argument für Vegetarier." Bei der Initiative selbst ist von "tierischen Verlusten" die Rede; es heißt dort: "Wie diese beiden Schweine heißen wissen wir leider nicht. Sie sind zwei von 260 Millionen Schweinen in Europa und von 1,3 Milliarden weltweit. Der berühmte Durchschnittseuropäer vom Baby bis zum Greis konsumiert etwa 40 Kilo, der Durchschnittsdeutsche sogar 54 Kilo Schweinefleisch im Jahr. Unsere beiden Schweine decken also den Bedarf von 5 Europäern wenn sie mit circa 115 Kilo geschlachtet werden.  Um Weizen, Soja, Mais und sonstige Pflanzen anzubauen, die ein Schwein bis dahin verzehrt, sind etwa 9 Quadratmeter Acker pro Kilo Fleisch erforderlich. Die beiden haben also unseren Acker praktisch ratzekahl gefressen."

Trendwende überfällig

Die Trendwende weg von Tierprodukten ist also überfällig. Umweltschützer und Politiker appellieren daher immer häufiger an die Deutschen, ihren übermäßigen Fleischkonsum zu drosseln. Wenn alle so viel Fleisch äßen wie wir, "bräuchten wir einen zweiten Planeten", verlautbarten Vertreter von SPD und Grünen im Februar 2016, und forderten einen "Gülle-Euro". Die Zeitung Die Welt hatte schon zuvor festgestellt: "Fleisch, wie wir es heute essen, wird in Zukunft das sein, was die Braunkohle für den Energiesektor schon heute ist: schmutzig, unwirtschaftlich, nicht länger zu verantworten."

Doch wie soll sie aussehen, die Nahrung der Zukunft? Ende 2014 schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung zu dieser Frage: "Wer die Massentierhaltung abschaffen will, muss sagen, woher Fleisch, Milch, Eier, Leder und Daunen kommen sollen. Eine mögliche Antwort lautet: aus Massentierhaltung im Ausland. Eine andere: Es gibt diese Produkte dann eben nicht mehr günstig für die Masse. Oder man ersetzt sie durch pflanzliche oder chemische Stoffe." Wir plädieren für die vegane Alternative.

 

Der Münchner Prionforscher Armin Giese ist der Meinung, dass wir mit BSE "nur ganz knapp an einer Katastrophe vorbeigeschrammt sind" – und die Gefahr sei nicht gebannt. Lobbyisten wollen dennoch die Regeln zur BSE-Abwehr entschärft sehen, etwa das Tiermehlverbot lockern. Ein Irrtum, hielt Giese im November 2014 dagegen: "Wenn wir wieder Bedingungen wie in den Achtzigerjahren schaffen, können wir wieder so eine Epidemie kriegen" (Claus Hecking, Christina Elmer: Rinderwahn: Was wurde eigentlich aus BSE?, spiegel.de, 28.11.2014.

Keime: Woher die resistenten Krankenhaus-Keime kommen, zeit.de, 21.11.2014 (alle Teile der Serie auf zeit.de).

"Das Schweinesystem", foodwatch.org, 22.9.2016.

Morgan E. Levine , Jorge A. Suarez, Sebastian Brandhorst et al.: Low Protein Intake Is Associated with a Major Reduction in IGF-1, Cancer, and Overall Mortality in the 65 and Younger but Not Older Population, in: Cell Metabolism, Volume 19, Issue 3, p407–417, 4 March 2014.

Ernährungsstudie: Pflanzliches Eiweiß scheint gesünder als tierisches, spiegel.de, 2.8.2016; die ganze Studie: Mingyang Song, Teresa T. Fung, Frank B. Hu et al.: Association of Animal and Plant Protein Intake With All-Cause and Cause-Specific Mortality, in: JAMA Intern Med. 2016;176(10):1453-1463. doi:10.1001/jamainternmed.2016.4182, Oktober 2016.

Mehr Fleisch, weniger Lebenszeit, diepresse.com, 10.1.2017.

Futter statt Land, land-grabbing.de.

GLOBAL 2000, Sustainable Europe Research Institute (SERI): Kein Land in Sicht. Wie viel Land benötigt Europa weltweit zur Deckung seines hohen Konsums, Februar 2013, S. 3f.

"Rise in land deals could create a form of 'neo-colonialism', with poor states producing food for the rich at the expense of their own hungry people" (P. Koohafkan, M. Salman and C. Casarotto: Investments in land and water. SOLAW Background Thematic Report – TR17, FAO, S. 10).

Anne Kunze: Fleischwirtschaft: Die Schlachtordnung, zeit.de, 17.12.2014.

Atsuko Wakamiya: Wie viel Fläche braucht ein Mensch um sich zu ernähren?, in: landinfo 7/2011, S. 44-46, S. 44.

Tierische Verluste, 2000m2.eu.

Anne Waak: Lifestyle: Das Fleisch von morgen, welt.de, 28.6.2015.

Jan Grossarth: Ernährung: Alle gegen die Massentierhaltung, faz.net, 28.12.2014.

Aufgrund des damaligen Dioxin-Skandals unterzeichneten 300 Wissenschaftler im Januar 2011 einen Appell gegen Massentierhaltung: Dioxin-Skandal  Wissenschaftler-Appell gegen Massentierhaltung, sueddeutsche.de, 12.1.2011.

"Die Europäer müssen sich womöglich auf eine neue Welle von Erkrankungen durch die Erreger des Rinderwahnsinns BSE einstellen. Das legt eine Fallstudie nahe, die in der aktuellen Ausgabe des Fachjournals New England Journal of Medicine erschienen ist", so die Süddeutsche Zeitung im Januar 2017. Ein 36-jähriger Mann hatte sich mit Erregern aus BSE-verseuchtem Fleisch infiziert (Kathrin Zinkant: Rinderwahn: Forscher fürchten neue BSE-Krankheitswelle, sueddeutsche.de, 19.1.2017).