Veganismus ist momentan "in" – er wird aber, so unsere Prognose, keine bloße Modeerscheinung bleiben. Wir sehen die vegane Welle, die gerade durch unsere Gesellschaft rollt, vielmehr als notwendige Reaktion auf die ökologischen Herausforderungen unserer Zeit. Wie wir im ersten Abschnitt gezeigt haben, übersteigt die menschliche Nachfrage nach Biokapazität derzeit das irdische Angebot. Übertragen auf ein ökonomisches Modell hätte diese Situation eine Preissteigerung zur Folge – und der Preis, den unsere Nachkommen zu zahlen haben werden, wird hoch sein.

Dystopien: Die düstere Zukunft der Erde

Zu allen Zeiten haben visionäre Geister die Abkehr vom Fleisch in der menschlichen Ernährung empfohlen und selbst gelebt – vom altgriechischen Philosophen Pythagoras über Voltaire und Rousseau bis hin zu Tolstoi und Kafka. Die Gründe dafür waren vielfältig, viele waren etwa grundsätzlich dagegen, Tiere nur zum Zweck des kulinarischen Genusses zu töten. "Schon in früher Kindheit empfand ich einen tiefen Widerwillen, wenn ich Tiere zur Schlachtbank schleppen sah und legte mir die Frage vor: hat der Mensch ein Recht, harmlose und nützliche Tiere zu töten, und sich von deren Fleisch zu nähren?", schrieb etwa Gustav Struve (1805-1870), der 1868 den ersten deutschen vegetarischen Verein in Stuttgart gründete und damit zu einem der Begründer der deutschsprachigen vegetarischen Bewegung wurde.

Einer der herausragendsten frühen Vegetarier war Leonardo da Vinci (1452-1519), über den Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, sagte, er habe einem Menschen geglichen, der in der Finsternis zu früh erwacht wäre, während die anderen noch alle geschlafen hätten. Das Universalgenie prophezeite der Erde eine düstere Zukunft, die durch die schonungslose Ausbeutung der Natur, die momentan stattfindet, Wirklichkeit werden könnte: "Die Luft wird dünner und ohne Feuchtigkeit sein, die Flüsse werden ohne Wasserzufuhr bleiben, das Erdreich nichts mehr wachsen lassen. Die Tiere werden verhungern. Auch den Menschen wird nichts übrig bleiben, als zu sterben. Die einst fruchtbare Erde wird wüst und leer." Eine dystopische Vision, die heute allerdings in greifbare Nähe gerückt ist: "Wissenschaftler warnen vor einer düsteren Zukunft der Erde, wenn der Mensch seine Ressourcen weiter verschleudert. In vier von neun Disziplinen sehen die Forscher die Grenzen bereits überschritten", berichtete eine Zeitung im Januar 2015 unter dem Titel Forscher warnen – Unsere Erde kann nicht mehr. Ähnliche Szenarien werden seit den 1970er-Jahren im Science-Fiction-Genre beschrieben.

Im Jahr 1972 ging eine apokalyptische Warnung um die Welt: Die Menschheit, hieß es, arbeite auf ihren eigenen Untergang hin. Im Auftrag des Club of Rome war der vieldiskutierte Bericht Die Grenzen des Wachstums veröffentlicht worden. Seine zentrale Schlussfolgerung lautete: "Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht." – Im Jahr darauf erschien mit Soylent Green ein Film, der zu den ersten Öko-Dystopien gehört: Mögliche Folgen exzessiver Nutzung endlicher Ressourcen und damit verbundener Umweltverschmutzung werden in einem Zukunftsszenario (der Film spielt im Jahr 2022) thematisiert, in dem ein Konzern, die Firma Soylent – der Name ist eine Kombination aus Soy (Soja) und Lent(il) (Linse) – die Lebensmittelversorgung der halben Welt kontrolliert und die Nahrungsmittel "Soylent Rot" und "Soylent Gelb" vertreibt. Ihr neuestes Produkt ist das weitaus schmack- und nahrhaftere "Soylent Grün", ein Konzentrat in Form grüner quadratischer Täfelchen, das angeblich aus Plankton hergestellt wird. Die Wahrheit aber ist: Die Ozeane (und damit das Plankton) sind lange schon tot – und "Soylent Green" besteht aus Menschenfleisch. Die Story kann als Warnung verstanden werden: Die Menschheit sollte schonend mit den natürlichen Ressourcen umgehen, wenn sie nicht ihre eigene Lebensgrundlage zerstören und in ein Stadium der Barbarei – hier repräsentiert durch Kannibalismus – zurückfallen will.

Die von den Vereinten Nationen geforderte globale Trendwende weg von Tierprodukten würde enorm dabei helfen; nichts würde "die Chancen für ein Überleben auf der Erde so steigern wie der Schritt zu einer vegetarischen Ernährung", wusste schließlich schon Albert Einstein (1879-1955).

Mögliche Lösungen

Wir befinden uns also in einer Zeit der ökologischen Krise; Science-Fiction ist ein Bereich, in dem über mögliche Lösungen nachgedacht und spekuliert werden kann. Mit dem Entwerfen außerirdischer Zivilisationen nutze das Science-Fiction-Genre die Fremdartigkeit, um "die Aufmerksamkeit auf unsere sozialen Verhältnisse zu den 'echten' Fremden, mit denen wir diesen Planeten teilen (das heißt andere Spezies), zu lenken", heißt es in einer Forschungsarbeit zum Thema.

Ein klassisches Beispiel dafür ist das 1898 veröffentlichte Buch The War of the Worlds von H.G. Wells (1866-1946). Die Handlung: Marsianer greifen das Vereinigte Königreich an, um von hier aus die rohstoff- und wasserreiche Erde zu erobern. "Der Krieg der Welten" war als Satire auf die Kolonialpolitik des Empires angelegt und vertauschte hierzu die Rollen von Eroberern und Opfern zu Ungunsten der Briten. Der Umstand, dass die Nahrungsaufnahme der Marsianer mittels einer lnfusion frischen menschlichen Blutes in ihre eigenen Adern vor sich geht, wird von Wells selbstkritisch reflektiert, wenn er schreibt: "Die bloße Vorstellung dieses Vorgangs erscheint uns ohne Zweifel grauenhaft und abstoßend, aber wir sollten uns, denke ich, zugleich erinnern, wie widerwärtig unsere fleischfressenden Gewohnheiten einem vernunftbegabten Kaninchen erscheinen würden."

Das Genre entwirft auch fiktionale Zukunftsszenarien, in denen das Stadium, in dem die Gesellschaft noch auf Tierhaltung angewiesen war, bereits überwunden ist. In Star Trek etwa ernährt sich der Halb-Vulkanier Commander Spock vegan – bei den Vulkaniern, die eine hochzivilisierte, friedliche Gesellschaft entwickelt haben, wird das, aus ethischen und rationalen Erwägungen heraus, als notwendig erachtet. Der erste Offizier der Enterprise, Commander Riker, philosophiert darüber, dass in seiner humanistischen Utopie Tiere gut behandelt werden. Im 1978 erschienenen zweiten Band der Trilogie Die Faeten beschreibt der Science-Fiction-Schriftsteller Alexander Kazantsev (1906-2002), wie ein Besucher vom Mars auf der Erde empfangen wird: "Er schaute ängstlich auf die Gerichte. Dal' übersetzte seine Worte: 'Ich flehe Sie an zu verstehen, dass die Marsbewohner keine Leichen essen.' Tanja wurde verlegen: 'Wie denn, wie denn! Das sind synthetische Produkte. Auf der Erde hat man ebenso wie bei Euch auf dem Mars gelernt, künstliches nährendes Eiweiß herzustellen.' – 'Ich wusste, dass es so sein wird', lächelte der Gast und schob vorsichtig ein kleines Stückchen in den Mund."

Die Nahrung der Zukunft

"Der Zweck, der verfolgt wird, ist, dem viel billigeren Pflanzeneiweiß in größerem Maße wie bisher im Verzehr Eingang zu verschaffen, nicht neben, sondern an Stelle des tierischen Eiweißes. Der Zweck soll dadurch erreicht werden, dass dem Konsumenten das Pflanzeneiweiß gewissermaßen unter der Maske der Fleischnahrung gegeben wird, weil das Volk die Fleischnahrung kennt und liebt. Dies läßt sich erreichen durch eine beliebte Form der Fleischnahrung, durch die Wurst", begründet der spätere deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer seinem Patentanwalt gegenüber im Mai 1915 die Erfindung einer Soja-Wurst, der sogenannten "Friedenswurst". Diese hatte nicht etwa mit vegetarischen Überzeugungen, sondern mit Adenauers politischer Tätigkeit während des Ersten Weltkrieges zu tun: Als Ernährungsdezernent war er für die Nahrungsmittelversorgung der Stadt Köln  zuständig, und Fleisch war damals Mangelware.

Doch auch die Vegetarier der Vergangenheit hofften auf den Fortschritt der Wissenschaft. So schrieb beispielsweise die Französin Louise Michel (1830-1905) bereits 1886: "Vielleicht wird die neue Menschheit statt des fauligen Fleisches, an das wir gewöhnt sind, chemische Verbindungen besitzen, die mehr Eisen und nahrhafte Grundstoffe enthalten als das Blut und das Fleisch, das wir verzehren. O ja, ich träume schon von der Zeit, da alle Brot haben werden, von der Zeit, da die Wissenschaft die Köchin der Menschheit sein wird." Und tatsächlich wird nicht nur im Film und in der Literatur, sondern auch in der Wissenschaft schon längere Zeit über Alternativen zu Fleisch nachgedacht. So veröffentlichte etwa im Jahr 1979 ein sowjetischer Chemiker namens Alexander Nesmejanow (1899-1980) ein Buch mit dem Titel Die Nahrung der Zukunft, in dem es heißt: "Wenn wir uns mit Fleisch ernähren, sind wir gezwungen, Millionen von Ochsen, Hammeln, Schweinen, Gänsen, Enten und Hühnern zu töten und Tausende und Abertausende von Menschen an kaltblütiges Blutvergießen, an blutige und schmutzige Arbeit zu gewöhnen." Er dagegen träumte von einer Zukunft, die ohne all das auskommt: "Es wird Fleisch geben, aber ohne Blutvergießen."

Über lange Zeit hinweg wurden solche Bestrebungen allerdings kaum ernst genommen. Inzwischen aber gibt es Anzeichen, die darauf hinweisen, dass hier ein geradezu epochales Umdenken stattfinden wird.

 

Elena Hodapp: Veganismus – ein Trend mit Potential zum Überleben?, media-bubble.de, 7.7.2014.

Hier zitiert nach: Leonardo da Vinci oder: Eines der größten Genies des letzten Jahrtausends, fzt.haw-hamburg.de. – Weiter schrieb da Vinci, der übrigens dafür bekannt war, auf den Märkten von Florenz für Vögel zu bezahlen, um sie dann freizulassen, über die "Grausamkeit der Menschen": "Kein Ding wird über der Erde oder unter der Erde und im Wasser bleiben, das nicht verfolgt, verjagt oder vernichtet, von einem Land ins andere geschleppt wäre; und ihr Leib wird Grab und Durchgang aller lebendigen Körper werden, die sie getötet haben" (hier zitiert nach: Manuela Linnemann (Hg.): Brüder – Bestien – Automaten. Das Tier im abendländischen Denken (Tierrechte – Menschenpflichten, Bd. 3), Erlangen 2000, S. 45).

Hier zitiert nach: Carsten Holm: Ernährung: Eine Welt ohne Wurst, spiegel.de, 17.11.2011.

"...we are currently in a time of ecological crisis and sf's animal representations are one of the places where we struggle to think our way through it" (Sherryl Vint: Animal Alterity. Science Fiction and the Question of the Animal, Liverpool 2012, S. 16).

"... draw attention to our social relations with the 'real' aliens with whom we share this planet (i.e., other species)..." (Sherryl Vint: Animal Alterity. Science Fiction and the Question of the Animal, Liverpool 2012, S. 11).

Hier zitiert nach: Oliver Ramme: Marsmännchen. Bushs Pläne für den roten Planeten, deutschlandfunk.de, 14.11.2004.

Die entsprechende Sequenz findet sich z.B. hier.

Ian McDonald: Imagining Other Worlds: Science Fiction and Animal Ethics, ourhenhouse.org, 30.9.2013.

Hier zitiert nach: Peter Brang: Ein unbekanntes Russland. Kulturgeschichte vegetarischer Lebensweisen von den Anfängen bis zur Gegenwart, Köln 2002, S. 303. – Diese Szene erinnert an jene, die der Schriftsteller Zhen Binghao beschrieb, als er in den 1980er Jahren einen Shaolin-Tempel in den Song-Bergen besuchte (vgl.: Fleisch ohne Fleisch: Die Seitan-Tradition, wheaty.de, 4.3.2014).

Louise Michel: Memoiren. Aus dem Französischen von Claude Acinde. Zweite verbesserte Auflage, Münster 1979, S. 95f.

Den gesamten Film in deutscher Synchronisation findet man beispielsweise hier.

Gustav Struve: Pflanzenkost, die Grundlage einer neuen Weltanschauung, Stuttgart 1869, S. 1 (hier an die moderne Rechtschreibung angepasst).

Pythagoras galt "in der Antike und auch später meist als Begründer des Vegetarismus" (Urs Dierauer: Vegetarismus und Tierschonung in der griechischen Antike, in: Manuela Linnemann, Claudia Schorcht: Vegetarismus. Zur Geschichte und Zukunft einer Lebensweise (Tierrechte – Menschenpflichten, Bd. 4), Erlangen 2001, S. 9-72, S. 13). Vegetarier wurden daher, bevor der Begriff des Vegetarismus geprägt wurde, auch "Pythagoreer" genannt, also noch im 19. Jahrhundert.

In Wir müssen uns entscheiden oder Das Wirkprinzip (1775) fragt Voltaire, ob es "etwas Schändlicheres, als sich fortwährend von Aas zu ernähren", gebe, und schreibt: "Wir müssen bis zu dem frommen Porphyrios und zu den mitfühlenden Pythagoreern zurückgehen, um jemanden zu finden, der uns in unserer blutigen Gefräßigkeit beschämt; oder wir müssen die Brahmanen aufsuchen; denn unsere Mönche, die nach dem Willen ihrer Gründer dem Fleisch entsagt haben, sind dennoch Mörder von Seezungen und Steinbutten, wenn nicht gar von Rebhühnern und Wachteln" (hier zitiert nach: Manuela Linnemann (Hg.): Brüder – Bestien – Automaten. Das Tier im abendländischen Denken (Tierrechte – Menschenpflichten, Bd. 3), Erlangen 2000, S. 118f.).

Rousseau geht von einem natürlichen Gefühl der Empathie aus und schreibt, "das Mitleid wird um so nachdrücklicher sein, je inniger sich das Tier, das zusieht, mit dem Tier, das leidet, identifiziert" (Jean-Jacques Rousseau: Diskurs über die Ungleichheit. Discours sur l´inégalité. Kritische Ausgabe des integralen Textes. Mit sämtlichen Fragmenten und ergänzenden Materialien nach den Originalausgaben und den Handschriften neu editiert, übersetzt und kommentiert von Heinrich Meier, Paderborn, München, Wien 1984, S. 147). In seinem pädagogischen Werk Émile geht er davon aus, dass Kinder Fleischgerichten gegenüber gleichgültig seien und pflanzlicher Nahrung den Vorzug gäben; er schreibt: "Daher ist es wichtig, diesen ursprünglichen Geschmack nicht zu verfälschen und die Kinder nicht zu Fleischessern zu machen" (Jean-Jacques Rousseau: Émile oder Über die Erziehung. Vollständige Ausgabe. In neuer deutscher Übersetzung besorgt von Ludwig Schmidts, Paderborn, München, Wien 1993, S. 144).

Günther Stolzenberg berichtet: "Tolstoi hatte einmal den Besuch einer nicht vegetarisch lebenden Verwandten. Als die Familie zu Tisch ging, fragte die Tante sehr erstaunt, warum ein lebendes Huhn an ihren Stuhl gebunden sei. Der Dichter erklärte ihr: 'Das Huhn haben wir für dich bestimmt. Aber keiner von uns kann es über sich bringen, es zu schlachten. Wenn du es aber selbst töten willst, so wird es dir sofort gebraten werden.' Die Tante verzichtete auf den Braten" (Günther Stolzenberg: Tolstoi, Gandhi, Shaw, Schweitzer: Harmonie und Frieden mit der Natur, Göttingen 1992, S. 38). Berühmt geworden ist der Ausspruch Tolstois: "Solange es Schlachthäuser gibt, wird es Schlachtfelder geben" (ebd.).

Sehr bekannt ist folgende Aussage Kafkas, die er beim Betrachten eines Aquariums gemacht hat: "Nun kann ich euch in Frieden betrachten; denn ich esse euch nicht mehr" (hier zitiert nach: Armin Risi, Ronald Zürrer: Vegetarisch leben. Vorteile einer fleischlosen Ernährung, Zürich 2012, S. 69). In einem Brief von 1921 heißt es noch: "Traurig war ich abend[s], weil ich Sardellen gegessen hatte [...], traurig wie eine Hyäne habe ich die Nacht verbracht. Ich stellte mir die Hyäne vor, wie sie eine von einer Karawane verlorene Sardinenbüchse findet, den kleinen Blechsarg aufstampft und die Leichen herausfrißt. Wobei sie sich vielleicht vom Menschen noch dadurch unterscheidet, daß sie nicht will aber muß" (hier zitiert nach: Manuela Linnemann: Der Weg allen Fleisches. Das Motiv des Schlachtens in der Literatur (Tierrechte – Menschenpflichten, Bd. 12), Erlangen 2006, S. 85f.).