Neben der Entwicklung rein pflanzlicher Alternativen gibt es auch noch andere Bestrebungen, Fleisch in der menschlichen Nahrung zu ersetzen. Beispielsweise rufen die Vereinten Nationen zum vermehrten Verzehr von Insekten auf. Laut der Welternährungsorganisation FAO essen weltweit zwei Milliarden Menschen Insekten, vor allem in Afrika, Asien und Lateinamerika. Ab Mai 2017 sollen in der Schweiz Insekten als Lebensmittel erhältlich sein. Viel Erfolg wird dieser Kost im Westen aber wohl nicht beschieden sein.

Frikadellen aus der Petrischale

Woanders wird an der Verwirklichung des Science-Fiction-Motivs geforscht, "echtes" Fleisch züchten zu können, ohne dafür Tiere töten zu müssen. "Es ist ab­surd, ein gan­zes Huhn auf­zu­zie­hen, nur um sei­ne Brust oder sei­ne Flü­gel zu es­sen; lasst uns die­se Tei­le ein­zeln züch­ten, in ei­nem ge­eig­ne­ten Me­di­um", sagte Winston Churchill schon im Jahr 1931. Die erste Frikadelle aus der Petrischale wurde allerdings erst im August 2013 in London vorgestellt – und kostete 250.000 Euro. Der Schlüssel zum Erfolg waren Stammzellen von Rindermuskeln, welche die Forscher im Labor zu Gewebe züchteten. Ganz ohne Tiere läuft diese Art der Fleischproduktion deswegen nicht ab, aber mit sehr viel weniger Exemplaren: Aus einer Biopsie könne man theoretisch 20.000 Tonnen Laborfleisch züchten, heißt es. Die Energiebilanz von In-Vitro-Fleisch soll gegenüber der Tierhaltung günstiger, gegenüber pflanzlicher Ernährung im Nachteil sein. Die Erfinder wollen ihr Produkt, wie sie kürzlich verlautbaren ließen, in drei bis vier Jahren auf den Markt bringen.

Weitere Wissenschaftler und Firmen treiben diese Entwicklung ebenfalls voran. Das Startup Modern Meadow aus dem amerikanischen Brooklyn beispielsweise will Produkte, für die bislang Tiere sterben müssen, per 3D-Drucker aus "Biotinte" produzieren – Fleisch etwa oder Leder. Dazu arbeitet die junge Firma an speziellen Zellkulturen: Kühen wird Zellgewebe entnommen, das die Forscher isolieren und teilweise modifizieren. Im Bioreaktor vermehren sich die Zellen dann millionenfach und fügen sich anschließend im 3D-Drucker zu einer festen Masse.

Getreide direkt verwerten

Dass zukunftsfähige Alternativen her müssen, steht für uns fest: Wir sind mit dem Geschmack von Fleischerzeugnissen aufgewachsen, haben gelernt, ihn zu lieben; das macht einen späteren Verzicht für manchen schwer. Die Lösung ist Fleisch ohne Fleisch – also authentische Fleischalternativprodukte. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es gerade Umsteigern enorm hilft, wenn man ihnen mit möglichst Vertrautem entgegenkommt. Die Wirtschaftswoche ist der Meinung, dass nur wenige Menschen bereit sein werden, gänzlich auf vegetarische Kost umzustellen – die "Weltformel für umfassende Nahrungsmittelsicherheit" stehe also weiter aus. Wer allerdings, so die Zeitschrift weiter, "demnächst ein Pfund Rindfleisch entsorgt, der sollte sich bewusst machten, dass er damit gut zwölf Kilo Weizen in die Tonne tritt".

Liegt es da nicht nahe, gleich aufs "Fleisch des Weizens" zu setzen? Warum das Getreide in Massen und einhergehend mit riesiger Verschwendung verfüttern, anstatt es direkt für die menschliche Ernährung zu verwenden? Wir erinnern uns: Fleisch hat unter den Lebensmitteln den größten Land-Fußabdruck, weil bei dessen Ermittlung auch das zur Fütterung der Tiere benötigte Getreide mit einberechnet werden muss. Und sein Konsum wird laut allen Prognosen weltweit noch enorm steigen! "Rechnet man diese Steigerung zum ohnehin schon extrem hohen Fleischkonsum der Industrieländer, so ist das eine ernsthafte Bedrohung für die gesamte Produktionsgrundlage des Planeten, da immer mehr Land in die Produktion dieser enormen Fleischmengen fließt", heißt es in einer Studie des österreichischen Sustainable Europe Research Instituts (SERI), welche in Kooperation mit der Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000 im Februar 2013 veröffentlicht wurde.

Wie anders wirken sich dagegen die Alternativen aus: Bereits zwei Jahre vor der eben zitierten Studie hat SERI die weltweit erste Ökobilanz für Fleischalternativprodukte durchgeführt. Analysiert wurden die auf Soja und Weizeneiweiß basierenden Produkte Tofu, Sojagranulat und Seitan, etwa hinsichtlich ihrer CO2-Bilanz und ihres Flächen- und Wasserverbrauchs. Das Ergebnis: Alle pflanzlichen Alternativen schnitten in allen getesteten Bereichen um Weiten besser ab als Fleisch.

Für Seitan spricht, wie der Wissenschaftler Kurt Schmidinger feststellt, der seine Dissertation an der Universität für Bodenkultur in Wien über mögliche Fleischalternativen der Zukunft geschrieben hat, unter anderem, dass Weizen in den meisten Regionen der Welt angebaut wird und so die Herstellung der Fleischalternativen auf regionaler Ebene, also ohne große Transportwege zu beanspruchen, möglich ist.

Epochales Umdenken

Um nachhaltige Fleischalternativen für jetzt und für die Zukunft herzustellen, braucht man also keine Retorten und keine Chemie! Für die Herstellung von Seitan braucht man nur Weizen, klares Wasser, Sojasauce und Gewürze. So haben es buddhistische Mönche seit alters her gehalten: In Asien werden Fleisch nachempfundene Lebensmittel aus gekochtem und gebratenem Weizeneiweiß seit Jahrhunderten genossen; Seitan gilt dort traditionell als Bestandteil einer Ernährungsweise, die im Ruf steht, zu einem gesunden und langen Leben zu verhelfen.

Die bewährte, bald 1500 Jahre alte Lebensmitteltradition wurde mit der Erfindung der Seitan-Wurst dem westlichen Geschmack angepasst und wird seither mit viel Tüftlergeist ständig neu ausgebaut – und das, im Bio-Bereich, ohne künstliche Geschmacks- oder sonstige Zusatzstoffe. Entsprechend heißt es über eine kürzlich veröffentlichte Studie, die zum Ergebnis kam, dass Fleischalternativen sich durch weniger ungesunde Inhaltsstoffe als vergleichbare Fleischerzeugnisse sowie durch eine günstigere Nährstoffzusammensetzung auszeichnen, in einem Stern-Artikel: "Die gängige Kritik, den fleischfreien Versionen seien zahlreiche Zusatzstoffe und Aromen zugesetzt, trifft der Studie zufolge ebenfalls nicht immer zu. Vielmehr schnitten biologisch erzeugte Fleischalternativen in diesem Punkt besser ab als Fleischwaren."

Innovative Rezepturen wurden entwickelt, vorher nicht dagewesene Texturen und Geschmacksdimensionen erreicht. Diesen enormen Fortschritt haben Vegan-Pioniere in gerade einmal 20 Jahren bewältigt. Es kann also als sicher gelten, dass, würden die Milliarden-Subventionen für Tierprodukte endlich eingestellt und stattdessen Gelder in die Erforschung umweltfreundlicher Alternativen investiert werden, man in absehbarer Zeit in allen Bereichen gleichwertige, pflanzenbasierte Äquivalente zu Tierprodukten entwickeln könnte. Es wäre besser für die Umwelt und die Menschen – und für die Tiere sowieso.

"Wer isst, schlägt sich nicht bloß den Bauch voll, er stellt vielerlei Weltbezüge her: Landeigentum, Klimawandel, Gentechnik, Tierethik, Alltagskultur, Gesundheit", stellt der Philosoph Harald Lemke fest, der eine "Revolution bei Tisch" fordert. Im Interview mit Geo sagt er: "Viele Probleme entstehen aus unserer fantasiearmen Fleischküche: das Leid der Tiere in den Fleischfabriken, die Zerstörung der Regenwälder für den Anbau von Futterpflanzen, die prekären Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen, die Skandale in der Fleischindustrie, die Gesundheitsschäden, die wir uns durch zu viel Wurst- und Fleischkonsum zufügen." Der Gastrosoph erhofft sich ein langsames Absterben jener kulinarischen Tradition, die stumpf auf Fleisch setzt, er glaubt: "Nur so können wir die Menschheit in ihrer kulturellen Entwicklung voranbringen." In diesem Zusammenhang habe es "etwas Despektierliches, Tofu und Seitan zu schmähen, daraus spricht eine ideengeschichtliche Ignoranz gegenüber Hochkulturen, die sich über Jahrhunderte fleischlos ernähren – und sehr raffiniert. Fleisch? Braucht kein Mensch." Lemke ist sich sicher: "Wir befinden uns schon inmitten eines epochalen Umdenkens."

Blick in die Zukunft

"Wagen wir einen Blick in die Kristallkugel: Was denken Sie, wie sich der Veganismus entwickeln wird? Wo sehen Sie ihn im Jahr 2035 – also in genau 20 Jahren?", wurde Bio- und Vegan-Pionier Klaus Gaiser 2015 im Zuge eines Interviews gefragt. Der Erfinder der Seitan-Wurst antwortete: "Ich glaube leider nicht, dass die Menschen innerhalb der nächsten 20 Jahre komplett davon absehen werden, ein Tier zu schlachten, aber ich bin überzeugt davon, dass das – schon allein aus ökologischen Gründen – extrem eingedämmt werden wird. Wir werden uns eine expandierende Erdzerstörung im jetzigen Ausmaß einfach nicht mehr leisten können."

Das auf Tierhaltung basierende System wird auf lange Sicht auch ökonomisch nicht mehr rentabel sein. "Neue und wachsende Geschäftsinteressen stehen gegen überholte und anachronistische, nicht anders als beim Schritt von der Pferdekutsche zum Automobil", beobachtet etwa Richard David Precht in seinem Buch Tiere denken (2016). Seine Vision für die nahe Zukunft: "Die Fleischindustrie kämpft einen verzweifelten Propagandakampf – wie lange Zeit die Atomlobby –, aber sie kann nicht mehr gewinnen." Auch die Tatsache, dass in den USA die Entwicklung von Fleischalternativen inzwischen von mächtigen Investoren wie Bill Gates oder Peter Thiel unterstützt wird, deutet darauf hin. Ein Problem zeichnet sich dabei allerdings ab: Fleischkonzerne beginnen, sich die Herstellung von Fleischalternativen als lediglich ein weiteres Marktsegment zu erschließen, ohne dabei erkennbar das Blutvergießen einzuschränken. Hellhörig sollte man etwa werden, wenn, wie jetzt bekannt wurde, Tyson Foods, einer der weltgrößten Fleischproduzenten, in ein Startup investiert, das vegane Alternativprodukte entwickelt. Die Verdrängung von Pionieren im veganen Bereich, die derzeit auch hierzulande stattfindet, könnte im schlimmsten Fall sogar dazu führen, dass in ein paar Jahren Schlachtkonzerne den Markt für Fleischalternativen beherrschen.

Dennoch: Schon heute befinden wir uns jenseits von "Peak Meat" – so jedenfalls sieht es das Zukunftsinstitut, ein Think-Tank der europäischen Trend- und Zukunftsforschung, in einem kürzlich veröffentlichten Artikel mit dem Titel Wird der Veganismus siegen?, in dem es heißt: "Fleisch ist, so wird es zunehmend in den Zeitungen verhandelt, ein Suchtproblem, mindestens so schlimm wie Zigarettenrauchen, das jedoch eher die eigene, nicht die Gesundheit des Planeten beschädigt. So sieht es aus. Wer möchte  angesichts der grauenhaften Verhältnisse in den Mastfabriken, des irrwitzigen tierisch-militärischen Komplexes, der die Erde mit seinen Düngemassen, Giftgasen und ethischen Verrohungen verseucht, ernsthaft  bezweifeln, dass wir es mit einem Mega-Problem zu tun haben?" Die Prognose des Instituts: "Der Fleischverzehr wird langsam weiter zurückgehen. Das ist mehr als gut so. Die schrecklichen Exzesse dieser Branche sind am Ende angelangt."

Text: Matthias Rude, Redaktion Wheaty, © TOPAS GmbH, Februar 2017.

 

Ein Überblick findet sich auf futurefood.org.

Coop lanciert den Insekten-Burger, tagesanzeiger.ch, 16.12.2016.

Ruth Schalk: Fleisch aus dem Reagenzglas: Meat the Future, faz.net, 3.2.2016.

David Talbot: Der Mann, der Fleisch wachsen lässt, heise.de, 2.10.2014.

GLOBAL 2000, Sustainable Europe Research Institute (SERI): Kein Land in Sicht. Wie viel Land benötigt Europa weltweit zur Deckung seines hohen Konsums, Februar 2013, S. 9.

"It is one of the most cost effective and simple raw materials for producing vegetarian sausages, burgers, nuggets, schnitzel as well as minced meat. In addition, wheat is a crop that is native to the majority of countries around the  world.  Thus,  the production of seitan is possible on a regional level" (Kurt Schmidinger: Worldwide Alternatives to Animal Derived Foods - Overview and Evaluation Models – Solutions to Global Problems caused by Livestock, Dissertation, Wien 2012, S. 136).

Christian Buck: Fleisch oder Pflanze?, Technology Review 11/2014.

Fabio Ornato: Die Vegan-Pioniere: Sie kreieren Pflanzenfleisch!, huffingtonpost.de, 31.1.2015.

Richard David Precht: Tiere denken. Vom Recht der Tiere und den Grenzen des Menschen, München 2016; hier zitiert nach dem Buchauszug mit dem Titel Die Fleisch-Revolution, in: Agora 42. Das philosophische Wirtschaftsmagazin, Ausgabe 04/2016: Sein und Fleisch, S. 66-71, S. 70f.

Falk Steiner: IT-Milliardäre finanzieren Zukunfts-Fleisch, future.arte.tv, 30.9.2015.

"... die Fleischkonzerne [bedienen] eben lediglich einen neu entstandenen Markt mit neuen Produkten [...], ohne erkennbar das Blutvergießen einzuschränken. Die Verdrängung, die derzeit stattfindet, könnte sogar dazu führen, dass in ein paar Jahren Schlachtkonzerne den Markt für vegetarisch-vegane Fleischalternativen beherrschen" (Vegan-Pionier TOPAS tritt aus dem VEBU aus. Interview mit Wheaty-Erfinder Klaus Gaiser, wheaty.de, 6.7.2016).

Volker Mrasek: Künstliches Fleisch: Stammzell-Burger statt Massentierhaltung, deutschlandfunk.de, 31.1.2017.

Hier zitiert nach: Ernährung: Der Fake-Burger, Der Spiegel 8/2017.

Roberto Zimmermann: Echtes Leder, aber nicht vom Tier, bellevue.nzz.ch, 7.2.2017.