1. Dezember:
„Homo carnivorus“

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„Die Menschen haben doch schon immer Fleisch gegessen!“ – Welcher Vegetarier oder Vega­ner musste sich das noch nicht anhören? Aber: Stimmt das so denn überhaupt?

„Fleisch ist doch zu ungesund, sagte der arme Mann, und kochte sich Maisbrei“: Diese „gut­mütig-spöttische“ Redensart ist im „Deutschen Sprichwörter-Lexikon“ von 1880 überliefert. Sie erinnert daran, dass für die Massen Fleisch stets knapp war. Der hohe Fleischverzehr in den Industriestaaten der Gegenwart ist historisch betrachtet also die Ausnahme. Früher galt er als Privileg der Reichen: „Der Speiseplan der Oberschicht beinhaltete gewöhnlich einen hohen Fleischanteil. Es gab Ausnahmen: Bestimmte Orden und auch Einsiedler übten aus Grün­­den rel­igiöser Disziplin äußerste Abstinenz beim Fleischverzehr. Die weitgehend vegetarische Ernährungsweise der Bauern war durch die materiellen Umstände gegeben“, heißt es dazu in einem kulturgeschichtlichen Buch. Während die Hauptnahrung der Armen noch bis ins 18. Jahrhundert gezwungenermaßen Getreidebrei war, waren opulente Fleischmahlzeiten den hö­he­ren Schichten vorbehalten. Deren Angehörige hatten dafür in gesundheitlicher Hinsicht mitunter einen Preis zu zahlen. So galt etwa Gicht früher als Krankheit der Reichen und Ade­li­gen; erst nach dem Zweiten Weltkrieg, mit steigendem Wohlstand und steigendem Fleisch­konsum, entwickelte sie sich zu einer Krankheit der breiten Masse.

Blicken wir weiter zurück: Anatomische und physiologische Merkmale zeigen, so ein er­­näh­r­ungs­­wis­sen­schaf­tlich­es Werk, „dass der Mensch in seiner langen Evolution überwiegend Pflan­zen­kost verzehrt hat“. Über den Australopithecus afarensis, einer unserer frü­hen Vor­fahr­en, heißt es in einem Zeitungsartikel: „Bekanntestes Fossil dieser Art: eine Frau, ge­nannt Lucy. Als Vegetarierin aß sie Gras und Blätter, die sie mit ihrem beeindruckenden Kauapparat zer­kleinerte.“ Aber auch der Speiseplan steinzeitlicher Menschen war vielfältiger, als lange angenommen worden ist. Forscher, die Fossilien untersucht und ihre Ergebnisse im April im Fach­magazin Nature veröffentlicht haben, fanden etwa heraus, dass Neandertaler sich in ge­wissen Regionen pflanzenbasiert ernährten. Die Studie „fegt 150 Jahre alte Klischees und vermeintliche Gewissheiten beiseite“, kommentierte Spiegel Online. Interessant: Die Wissen­schaftler fanden auch heraus, dass die vegetarischen Neandertaler im Süden gesünder und schmerzfreier lebten als ihre fleischessenden Verwandten im Norden.

Der bekannte Ernährungswissenschaftler Claus Leitzmann weist darauf hin, dass pflanzliche Nahrung auch beim vor etwa 400.000 Jahren auftretenden Homo sapiens den Mittelpunkt der Ernährung bildete. „Diese Epoche der ‚Jäger und Sammler‘ müsste also korrekterweise als Zeit der ‚Sammler und Jäger‘ bezeichnet werden“, meint er. Nach der Entwicklung zum Acker­bauzeitalter vor 10.000 Jahren haben Pflanzen weiterhin, sogar mit bis zu 90 Prozent, den Hauptanteil der Nahrung ausgemacht. Im Zuge der Domestizierung von Tieren stieg der Anteil tierischer Nahrungsmittel; eine drastische Veränderung hätten die Er­nähr­ungs­gewohnheiten des Menschen aber erst mit der Industrialisierung vor 200 Jahren und insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg erfahren. Heute sind ernährungsabhängige Erkrankungen die Haupt­todes­ursachen in den Industrieländern. Leitzmann, der für seine Arbeiten Preise für Krebsprävention und präventive Ernährung erhalten hat, empfiehlt die Rückkehr zur überwiegend pflanzlichen Kost, die er als die „artgerechte Ernährung“ des Menschen bezeichnet; eine Reihe wissen­schaftlicher Studien würden auch die Vorteile einer veganen Ernährungsweise belegen.

Ob, wie mitunter angeführt wird, Fleisch bei der Menschwerdung tatsächlich der ent­schei­dende „Motor der Evolution“ war, sei dahingestellt – der Verzehr gut verfügbarer mehrfach un­ge­sät­tigter Fettsäuren aus Knochenmark und Hirn von Tieren soll, so heißt es, die Entwicklung des men­schlichen Gehirns begünstigt haben. Der Anthropologe Richard Wrangham ist aller­dings der Ansicht, dass dies gerade den Übergang zum aufrecht gehenden Menschen – Homo erectus – nicht erklären kann, vielmehr sei dazu die Beherrschung des Feuers und das Kochen ent­scheidend gewesen: „Der Verzehr gekochter pflanzlicher Nahrung machte kleinere Zähne möglich, der nächtliche Schutz ein Schlafen auf dem Boden; die Menschen büßten ihre Klet­ter­fähigkeit ein und gingen aufrechter“, heißt es in seinem Buch Feuer fangen: Wie uns das Kochen zum Menschen machte – eine neue Theorie der menschlichen Evolution.

Fakt jedenfalls ist: Den „Homo carnivorus“ gibt es nicht; der Mensch muss kein Fleisch essen. Als Omnivore kann der Mensch, im Unterschied zu Karnivoren und Herbivoren, ganz unter­schiedliche Dinge essen. Ent­schei­dend aber ist doch, was die ideale Nahrung für den Men­schen ist, und was das angeht, hat sich herausgestellt, dass eine Ernährung, die auf Pflanzen basiert, am gesündesten ist. Dass unsere Vorfahren etwas „schon immer“ so gemacht haben, ist zudem ein sehr dürftiges Argument. Die meisten von uns wollen heute ja auch kein Kno­chen­mark oder Hirn mehr essen. Dass steinzeitliche Stämme ihre Nachbarn „überfallen und ganze Sip­pen im Schlaf vernichtet haben, kann die heutige Menschenrechtskonvention nicht außer Kraft setzen“, bringt Hilal Sezgin die Kritik an solchen Argumentationen in ihrem Buch Art­­ge­recht ist nur die Freiheit auf den Punkt.


ABB_bsr2176LeitzmannVegetarism_978-3-406-44776-1_4A_Internet648h.jpgABB_bp6134SezginArtgerechtist_978-3-406-65904-1_4A_Internet648h.jpgNiemand braucht Fleisch – aber auf herzhaften Geschmack mit Biss muss auch niemand ver­zichten! Wir verlosen heute „Fleisch ohne Fleisch“: Fünfmal fünf Vegane Virginia-Steaks. Außerdem das Buch Vegetarismus von Claus Leitzmann sowie Artgerecht ist nur die Freiheit von Hilal Sezgin!

Claus Leitzmann, Markus Keller: Vegetarische Ernährung. Unter Mitarbeit von Ute Brehme, Andreas Hahn, Mathias Schwarz u.a., 2. Auflage, Stuttgart 2010, S. 34.

Hermann Parzinger: Evolution: Unsere Ahnengalerie, zeit.de, 12.3.2015.

Richard Wrangham: Feuer fangen: Wie uns das Kochen zum Menschen machte – eine neue Theorie der menschlichen Evolution. Aus dem Englischen von Udo Rennert, München 2009, S. 203.

Laura S. Weyrich, Sebastian Duchene, Julien Soubrier et al.: Neanderthal behaviour, diet, and disease inferred from ancient DNA in dental calculus, Nature 544 (20.4.2017), S. 357–361.

Frank Patalong: Anthropologie: Neandertaler im heutigen Spanien waren Vegetarier, spiegel.de, 8.3.2017.

Jan Petter: Von wegen Fleischfresser! Schon die Neandertaler waren oft Vegetarier oder Veganer, bento.de, 9.3.2017.

Florian Stark: Evolution: Nur durch Fleischkonsum war die Menschwerdung möglich, welt.de, 31.3.2016.

Gicht, heute die häufigste Form rheumatischer Gelenkerkrankungen, resultiert aus einer Störung des Purinstoffwechsels. In einer Studie mit über 47.000 Männern erhöhte sich das Risiko für Gicht mit steigendem Verzehr von Fleisch und Fisch, die zu den purinreichsten Lebensmitteln gehören – nicht aber durch pflanzliche proteinhaltige Lebensmittel oder purinreiche Gemüsearten (Claus Leitzmann, Markus Keller: Vegetarische Ernährung. Unter Mitarbeit von Ute Brehme, Andreas Hahn, Mathias Schwarz u.a., 2. Auflage, Stuttgart 2010, S. 172f.).

Terra X: Die Geschichte des Essens (1/3), zdf.de, 17.7.2016. – Dies galt global: „Weltweit waren in der Küche der Armen zwei Zubereitungen verbreitet, nämlich der Getreidebrei und der Eintopf“ (Gert v. Paczensky, Anna Dünnebier: Leere Töpfe, volle Töpfe. Die Kulturgeschichte des Essens und Trinkens, München 1994, S. 30).

Stephen Mennell: Die Kultivierung des Appetits. Die Geschichte des Essens vom Mittelalter bis heute. Aus dem Englischen von Rainer von Savigny, Frankfurt am Main 1988, S. 386.  –  Schon zuvor heißt es dort: „Man ist sich weitgehend darüber einig, dass die großen Standesunterschiede in den Jahrhunderten des Feudalismus ihren Niederschlag in der Ernährung fanden. Man kennt insbesondere seit langem die ungeheuren Fleischmengen, die in der weltlichen und kirchlichen Oberschicht verzehrt wurden, und man nimmt allgemein an, dass im Gegensatz dazu die bäuerliche Kost vor allem aus Getreideerzeugnissen und Gemüse bestand“ (ebd., S. 67).

Claus Leitzmann: Vegetarismus. Grundlagen, Vorteile, Risiken. Unter Mitarbeit von Markus Keller und Andreas Hahn. 2., aktualisierte Auflage, München 2007, S. 40f.

Claus Leitzmann: Vegetarismus. Grundlagen, Vorteile, Risiken. Unter Mitarbeit von Markus Keller und Andreas Hahn. 2., aktualisierte Auflage, München 2007, S. 44.

Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Kompetenzzentrum für Ernährung: Kontrovers diskutiert: Pro und Kontra vegane Ernährung, kern.bayern.de.

Friedrich Wilhelm Wander (Hg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Band 5, Zusätze und Ergänzungen, Leipzig 1880, S. 1265.

„Früher galt Gicht als eine Erkrankung der Reichen und Adeligen. Durch zunehmenden Wohlstand und ungünstige Ernährungsweisen ist sie heute in allen Bevölkerungsschichten verbreitet“ (Caudia Müller: Gicht: Purinarme Kost gegen Schmerzen, UGB-Forum 2/00, S. 68-71, S. 68).

Hilal Sezgin: Artgerecht ist nur die Freiheit. Eine Ethik für Tiere oder Warum wir umdenken müssen, München 2014, S. 94.