12. Dezember:
Vegan Monster

Mitmachen und unseren 750g-Vesttagsbraten gewinnen!

Mary Shelleys Roman Frankenstein ist weltberühmt geworden. Was weniger bekannt ist: Sie und ihr Mann, der Dichter Percy Shelley, setzten sich für Vegetarismus ein – und dies hat auch Spuren im Roman selbst hinterlassen.

Das Jahr 1816 ging als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein: Auf der Insel Sumbawa, öst­lich von Java, war der Vulkan Tambora ausgebrochen. Hunderte Kilometer weit verdunkelte sich der Himmel fast vollständig, ein Schleier legte sich um den Erdball. Es kam zu schweren Un­wettern, in der Schweiz schneite es plötzlich mitten im Sommer. Missernten und Hungers­nöte waren die Folge, Chronisten erzählen, dass „die Kinder oft im Gras geweidet haben wie die Schafe“. Die junge Schriftstellerin Mary Shelley, die sich in einem Haus am Genfer See auf­hielt, berichtet: „Die Jahreszeit war kalt und regnerisch, und an den Abenden drängten wir uns um ein loderndes Kaminfeuer und vertrieben uns gelegentlich mit ein paar deutschen Ge­spens­ter­ge­schicht­en, die wir zufällig entdeckt hatten, die Zeit. Diese Geschichten weckten einen spielerischen Wunsch zur Nachahmung.“ Die zündende Idee kam ihr durch einen schreck­lichen Wachtraum: „Ich sah – mit geschlossenen Augen, aber scharfem geistigem Blick – ich sah den bleichen Schüler unheiliger Künste neben dem Ding knien, das er zu­sam­men­ge­setzt hatte. Ich sah das bösartige Phantom eines hingestreckten Mannes und dann, wie sich durch das Werk einer mächtigen Maschine Lebenszeichen zeigten und er sich mit schwer­fälligen, halblebendigen Bewegungen rührte.“ Frankensteins Monster war geboren.

Die Bedingungen, die zur Entstehung des weltberühmten und vielfach verfilmten Romans führ­ten, der gleichermaßen als Höhepunkt der Gothic Novel und Geburtsstunde des Science-Fiction-Genres gilt, sind längst selbst zur Legende geworden. Doch woran denken wir heute, wenn wir „Frankenstein“ hören? „Unwillkürlich sehen wir sofort Bilder aus dem Filmklassiker von James Whale vor uns: Wir erinnern uns an Boris Karloff, der mit merkwürdig flachem Schä­del und schwarzumrandeten Augen unbeholfen durch die Pappkulissen tappt – oder an fun­ken­sprü­hen­de Apparate und einen Mann im weißen Kittel, der verzückt mit den Armen fuchtelt und ruft: ‚Jetzt weiß ich, was es heißt, Gott zu sein!‘“, so Alexander Pechmann im Nach­wort der von ihm neu übersetzten Urfassung des Romans von 1818.

An Vegetarismus jedenfalls denken wir nicht. Und doch spielte dieser im Leben der Ro­man­au­tor­in Mary Shelley eine wichtige Rolle. Sie und ihr Mann, der bekannte englische Dichter Percy Shelley, waren zu dieser Zeit stark beeinflusst von John Frank Newton, Verfasser des Werks The Return to Nature, or, a Defence of the Vegetable Regimen (1811). Er war ein Patient des Lon­don­er Arztes William Lambe, der sich zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Jahre lang ve­gan ernährte und 1809 sein erstes Buch über vegane Ernährung als Therapie für bestimmte Er­krankung­en veröffentlicht hatte. Auch Newton vertrat eine „naturhafte Lebensweise“, die kon­se­quen­ten Vegetarismus und Freikörperkultur beinhaltete. Der Historiker Tristram Stuart berichtet, Percy Shelley habe sich 1812 „Newtons aufblühender vegetarischer Gemeinschaft in Berkshire angeschlossen“. In den Anmerkungen zu seinem ersten großen Gedicht Queen Mab (1813), die auch gesondert unter dem Titel A Vindication of Natural Diet gedruckt wurden, begründete der Dichter, der unter anderem dafür bekannt war, auf Londons Märkten Fluss­krebse zu kaufen, um sie wieder in die Themse zu entlassen, seinen Vegetarismus ausführlich. So führte er beispielsweise die Verschwendung von Ackerflächen, die für die intensive Pro­duk­ti­on von tierischem Eiweiß genutzt werden und so für die Ernährung ärmerer Schichten ver­loren gehen, und die daraus resultierenden Hungersnöte, auf das auf Fleisch- und Woll­ge­winnung ausgerichtete englische Ernährungssystem zurück. Er plädierte für einen grund­le­genden gesellschaftlichen Wandel hin zum Vegetarismus, zu einem „Zustand der Gesellschaft, in der alle Energien des Menschen in die Schaffung gänzlichen Glücks gelenkt werden sollen“.

Im Roman Frankenstein wird die vegetarische Überzeugung seiner Verfasserin deutlich, wenn Victor Frankenstein von dem Monster, das er geschaffen hat, gebeten wird, ihm eine Gefährtin zur Seite zu stellen; es sagt zu seinem Schöpfer: „Meine Nahrung ist nicht die der Menschen. Ich reiße weder Lamm noch Zicklein, um meinen Hunger zu stillen. Eicheln und Beeren ge­nü­gen mir zu meiner Ernährung. Meine Gefährtin wird von derselben Art sein wie ich und sich mit demselben Mahl zufriedengeben“, und: „Das Bild, das ich dir beschreibe, ist friedlich und mensch­lich, und du musst spüren, dass du es mir nur aus Willkür und Grausamkeit verweigern kannst.“ Diese Vision aber wird nicht wahr: Statt in den von ihm herbeigesehnten Zustand des Friedens mit Menschen, Tieren und der Natur einzutreten, findet Frankensteins veganes Mons­ter sein Ende schließlich im Feuer eines Scheiterhaufens. Die US-amerikanische Autorin und Akti­vist­in Carol J. Adams schreibt dazu: „Frankensteins Geschöpf bezieht Tiere in seinen Mo­ral­ko­dex ein, wird jedoch hintergangen und zutiefst enttäuscht, als es danach strebt, in den Mo­ral­ko­dex der Menschen einbezogen zu werden. Es lernt, dass, ungeachtet seiner eigenen mo­ra­lisch­en Maßstäbe, der Kreis der Menschen so gezogen ist, dass sowohl es selbst wie auch die anderen Tiere davon ausgeschlossen bleiben.“


Wie wäre es an Weihnachten mit einem Essen der feinen englischen Art: Unserem „Holiday Roast“ mit Yam-Sticks? Wir verlosen heute fünf unserer 750g-Vesttagsbraten, die man für die­ses Rezept benötigt.


Mary Shelley: Frankenstein oder Der moderne Prometheus. Die Urfassung. Aus dem Englischen neu übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann, München 2013, S. 286.

Wolfram Sailer: Wissen, Arbeit und Liebe in Mary Shelleys Frankenstein. Studien zur romantischen Mythenumdeutung (Anglistik in der Blauen Eule, Bd. 16, zgl.: Heidelberg, Univ., Diss., 1991), Essen 1994, S. 89.

Mary Shelley: Frankenstein oder Der moderne Prometheus. Die Urfassung. Aus dem Englischen neu übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann, München 2013, S. 158f.

Carol J. Adams: Zum Verzehr bestimmt. Eine feministisch-vegetarische Theorie. Übersetzung aus dem Englischen von Susanna Harringer, Wien, Mühlheim a.d. Ruhr 2002, S. 128.

Mieke Roscher: Ein Königreich für Tiere. Die Geschichte der britischen Tierrechtsbewegung, Marburg 2009, S. 54.

1816 – das Jahr ohne Sommer, luzernerzeitung.ch, 3.1.2016.

Mary Shelley: Frankenstein oder Der moderne Prometheus. Die Urfassung. Aus dem Englischen neu übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann, München 2013, S. 8, S. 269f. – Die Shelleys, die in der Gegend auf den Spuren Rousseaus unterwegs waren, wohnten in Cologny in einem Haus, das bereits John Milton während dessen Aufenthalt in Genf im Jahr 1639 beherbergt hatte.

Tristram Stuart: The Bloodless Revolution. Radical Vegetarians and the Discovery of India, London 2006, S. 373.

Percy Bysshe Shelley: The Complete Poetry of Percy Bysshe Shelley. Volume two. Edited by Donald H. Reiman and Neil Fraistat, Baltimore, London 2004, S. 307.

Es trug den Titel Reports on the Effects of a Peculiar Regimen in Scirrhous Tumours, and Cancerous Ulcers. Später veröffentlichte Lambe ein zweites Buch über vegane Ernährung zu therapeutischen Zwecken: Water and Vegetable Diet in Consumption, Scrofula, Cancer, Asthma, and Other Chronic Diseases. – Vgl. Christian Köder: Veganismus, Ellwangen 2014, S. 6.