14. Dezember:
Unbekanntes Russland

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Die russische Küche ist berühmt für Kaviar, Bœuf Stroganoff oder Kiewer Kotelett. Weniger bekannt ist, dass das Land auch über eine reiche vegetarische Tradition verfügt.

Moskau, Herbst 1977: Während eines Studienaufenthalts stößt Peter Brang in den Katalogen der Leninbibliothek zufällig auf den Titel Vegetarianskoe Obozrenie (Vegetarische Rundschau). Es gibt die Jahrgänge 1909 und 1914. Von einer Verbreitung vegetarischer Lebensweisen im vor­revolutionären Russland hat der Slawist bis zu diesem Zeitpunkt nichts gewusst. In den fol­gen­den Jahren forscht er zum Thema. Als Ergebnis veröffentlicht er 2002 das Buch Ein un­be­kannt­es Russland, in dem die Entstehung der russischen vegetarischen Bewegung erstmals systematisch dargestellt wird. Moderne vegetarische Ideen verbreiteten sich dort ab den 1860er-Jahren. Sie konnten an bestehende Traditionen anknüpfen: „Vegetarisches Ge­danken­gut hat in Russland eine lange, religiös geprägte Tradition. Sie hängt damit zusammen, dass für das russisch-orthodoxe Mönchstum, im Gegensatz zum westlichen (mit Ausnahme der Trap­pisten und der Kartäuser), das ‚qualitative Fasten‘ – die Enthaltung vom Fleischgenuss – eine allgemeine Grundregel ist“, so Brang. Selbst für die einfachen Gläubigen beträgt die Ge­­samt­zahl der Fastentage mehr als 220 im Jahr. Die Fastenzeiten würden „von reich und arm, in Stadt und Land, mit großer Gewissenhaftigkeit befolgt“, berichtete Jenny Schulz, eine der frü­hen Aktivistinnen des Vegetarismus in Russland, 1906 den Lesern der deutschen Zeitschrift Vegetarische Warte. „Dieses ist wohl auch vielfach der Grund, weshalb die hiesige Be­völ­ke­rung so leicht für den Vegetarismus zu gewinnen ist“, meinte sie.

Am einflussreichsten für den russischen Vegetarismus war ohne Frage der berühmte Schrift­stel­ler Leo Tolstoi. Sein Werk Die erste Stufe (1892), auch unter dem Titel Die Fleisch­es­ser bekannt, löste ein gewaltiges Echo in der Öffentlichkeit aus; es wurde seither in Russ­land oft als „Bibel des Vegetarismus“ bezeichnet. Für Tolstoi war, wie es darin heißt, „das Aufgeben der Fleischnahrung die erste Stufe auf dem Wege zum moralischen Leben“. Er selbst lebte seit etwa 1884 vegetarisch, zeitweise auch vegan. In einem Buch zum Thema wird folgende Anekdote überliefert: Als die Familie eine nicht vegetarisch lebende Verwandte zum Essen ein­lud, fragte diese erstaunt, warum ein Huhn an ihren Stuhl gebunden sei; ihr wurde erklärt: „Das Huhn haben wir für dich bestimmt. Aber keiner von uns kann es über sich bringen, es zu schlachten. Wenn du es aber selbst töten willst, so wird es dir sofort gebraten werden.“ Die Tan­te verzichtete daraufhin auf den Braten.

Inspiriert von den Schriften Tolstois gelangte eine religiöse Gemeinschaft, die sich Du­cho­bor­zen („Geisteskämpfer“) nannte, 1893 zur Überzeugung, dass es falsch sei, Tiere zu Nah­rungs­zwecken zu töten. Weil sie Staat, Wehrdienst und Privateigentum ablehnten, wurden sie politisch verfolgt. Mit Hilfe der Quäker konnte Tolstoi 1898 für sie die Erlaubnis zur Aus­wan­de­rung nach Kanada erwirken. Über 7300 von ihnen verließen Russland, wandelten in Alberta, Manitoba und Saskatchewan tausende Hektar Prärieland in fruchtbare Weizenfelder um und begründeten christlich-kommunistische Gemeinschaften auf vegetarischer Grundlage. 1902 entstand eine Abspaltung; die etwa 2000 „Söhne der Freiheit“, wie sie sich nannen, leb­ten vegan, lehnten Pelz, Leder und alle anderen vom Tier stammenden Produkte ab. Da sie ei­ne An­pas­sung an die kanadischen Verhältnisse radikal ablehnten, waren sie auch dort bald zum Teil recht grausamen behördlichen Verfolgungen ausgesetzt.

In Russland gab es indessen immer mehr Vegetarier, die nicht mehr religiös, sondern streng wis­sen­schaftlich argumentierten. Ihnen waren etwa gesundheitliche und ökologische sowie öko­no­mische Aspekte wichtig. Da Vegetarismus aber als Lebensweise politisch verdächtiger Sek­ten galt, ging die Polizei des Zarenreichs gegen sie vor – als Anfang 1891 in Moskau ein ve­ge­ta­risch­es Restaurant eröffnete, wurde es von den Behörden gleich wieder geschlossen. Erst Ende 1901 gründete sich mit der Petersburger Vegetarischen Gesellschaft der erste ve­ge­ta­rische Zusammenschluss im Land. Anfang 1904 gab es bereits vier vegetarische Restaurants in Moskau. Dort fand 1913 auch der erste gesamtrussische Vegetarier-Kongress statt. Sogar ein zentrales Auskunftsbüro für Vegetarismus wurde eingerichtet. Der Erste Weltkrieg setzte den ge­samt­russischen vegetarischen Aspirationen allerdings ein Ende. Sogenannte Tolstoi- oder Tolstoianer-Kommunen und -Kooperativen gab es in der Sowjetunion aber noch über längere Zeit. Auch und vor allem in Bulgarien blühte das „Tolstoianertum“ während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Es entstand eine Vegetarier-Gesellschaft mit hohen Mit­glied­er­zahlen, 1926 fand ein Kongress mit 400 Teilnehmern statt. Im selben Jahr wurde eine land­wirt­schaft­liche ve­ge­ta­rische Kommune gegründet, welcher die Regierung auch nach 1944, also nach der Ein­glie­de­rung des Landes in die Union, Achtung zollte – einfach, weil sie weit und breit die beste Kooperativ-Wirtschaft war.


41lZWQmLhdL._SX324_BO1,204,203,200_.jpgWie wäre es in diesem Jahr mit einem russisch inspirierten Weihnachtsmenü? Wir schlagen vor: Blini mit Kräutertopping, Salat Olivier, Borschtsch, und zum Abschluss ein Schichtdessert. Wir verlosen heute die Wheaty-Produkte, die man für das Menü braucht: Die Gewinner erhalten dreimal drei Packungen Paprika-Lyoner, La Rossa und Kassler 2.0, außerdem ein Exemplar des Buches von Peter Brang.

Peter Brang: Ein unbekanntes Russland. Kulturgeschichte vegetarischer Lebensweisen von den Anfängen bis zur Gegenwart, Köln 2002, S. 97.

Günther Stolzenberg: Tolstoi, Gandhi, Shaw, Schweitzer: Harmonie und Frieden mit der Natur, Göttingen 1992, S. 38.

Peter Brang: Ein unbekanntes Russland. Kulturgeschichte vegetarischer Lebensweisen von den Anfängen bis zur Gegenwart, Köln 2002, S. 15.

Die Fleischesser / Die erste Stufe (Schlussabschnitt) (1892). Von Leo Tolstoi, in: Leo Tolstoi, Clara Wichmann, Elisée Reclus, Magnus Schwantje u.a.: Das Schlachten beenden! Zur Kritik der Gewalt an Tieren. Anarchistische, feministische, pazifistische und linkssozialistische Traditionen, Heidelberg 2010, S. 57-66, S. 65f.

Im Bericht eines Inhaftierten heißt es beispielsweise: „Der Arzt kam auf die Idee, uns Bouillon zu trinken zu geben. Man begann uns Bouillon vorzusetzen. Wir nahmen sie nicht. Da fesselten sie uns auf einen Stuhl, der Polizist hielt uns fest, und der Arzt sperrte den Mund mit einem eisernen Löffel auf [...]. Dann legte man einen Gummischlauch in den Mund. [...] Man nahm das Fett von der Bouillon, goss es in den Gummischlauch“ (Peter Brang: Ein unbekanntes Russland. Kulturgeschichte vegetarischer Lebensweisen von den Anfängen bis zur Gegenwart, Köln 2002, S. 108).