15. Dezember:
„Dr. Gemüse“

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John Harvey Kellogg, Arzt, Leiter eines berühmt-berüchtigten Naturheilsanatoriums und Food-Pionier, war im späten 19. und frühen 20. Jahr­hun­dert der wohl populärste US-ame­ri­ka­ni­sche Vegetarier.

„‚Ich sage Ihnen, Mrs. Tindermarsh, und allen Damen und Herren im Publikum, und ich sage es aus tiefster Überzeugung‘ – Pause, zwei Herzschläge lang –, ‚ein Steak wirkt ebenso tödlich wie eine Revolverkugel. Schlimmer noch. Wenn sich jemand den Revolver an die Stirn setzt und abdrückt, kommt das Ende gnädigerweise schnell, aber ein Steak – ah, die subtilen und immer­währenden Agonien des Fleischessers!‘“ – Mit solchen Sätzen beschreibt der US-ameri­kanische Schriftsteller Tom Coraghessan Boyle in seinem Roman Willkommen in Wellville (1993) auf satirische Art und Weise einen „typischen Montagabend im Battle-Creek-Sa­na­torium, der Bastion korrekten Denkens, vegetarischer Lebensart und Schulung, der Zi­ta­del­le der Mäßigung und eines reformierten Bekleidungsstils und – kein Zufall – der ge­sündeste Ort auf Erden“. Wer dort im Großen Empfangssaal zu seinen Patienten spricht, ist kein geringerer als „Dr. John Harvey Kellogg, Erfinder von Cornflakes und Erdnussbutter, ganz zu schweigen von Malzkaffee, Bromose, Nuttolene und un­ge­fähr weiteren fünfundsiebzig gastrisch ein­wand­frei­en Nahrungsmitteln“, wie Boyle schreibt.

Boyles Romane basieren häufig auf gründlich recherchierten historischen Persönlichkeiten, um die er manchmal realistische, manchmal absurde Geschichten erfindet. Willkommen in Wel­ville, 1994 auch als Filmkomödie umgesetzt, spielt zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Battle Creek, einer Kleinstadt am Kalamazoo River, vier Stunden Bahnfahrt östlich von Chicago, Zen­t­rum der amerikanischen Frühstücksindustrie, Heimat der Adventisten. Unmittelbar neben dem „Tabernakel“, der Hauptkirche der Adventistengemeinde, steht in einem weitläufigen Park das berühmte „San“, das von John Harvey Kellogg geleitete Battle Creek Sanitarium, ein stolz­er Sechshundert-Betten-Bau. Für Adventisten ist die Gesundheitserziehung eine kirch­liche Aufgabe, etwa die Hälfte von ihnen ernährt sich vegetarisch. Aufgrund ihrer insgesamt ähn­lich­en Lebensbedingungen lassen sich an ihnen die Auswirkungen verschiedener Er­nähr­ungs­weisen besonders gut studieren, und so war die weltweit erste große Vegetarier-Studie die Adventist Mortality Study. Ab 1960 wurden die 15.000 Teilnehmer über einen Zeitraum von 26 Jahren beobachtet. Von 1976 bis 1988 folgte die Adventist Health Study, seit 2002 wird eine dritte Langzeitstudie durchgeführt. Die Ergebnisse dieser und weiterer Studien zeigen, dass die Entstehung einer ganzen Reihe von Erkrankungen von der Ernährung abhängt. So hatten bei über 34.000 Adventisten die Nichtvegetarier im Vergleich zu den Vegetariern etwa ein doppelt so hohes Risiko, an Diabetes zu erkranken; bei der laufenden Studie zeigt sich, dass das Risiko für Veganer am niedrigsten ist. Was Herz-Kreislauf-Erkrankungen angeht, die häufigste Todes­ur­sache in den Industrieländern, hatten bei den männlichen Teilnehmern die Vegetarier im Ver­gleich zu Fleischessern ein um 37 Prozent geringeres Risiko. „Erwiesen ist, dass die Ad­vent­ist­en heute als Gruppe zu den gesündesten Menschen in den Vereinigten Staaten gehören“, heißt es in einem Buch zum Thema. Kellogg, mitunter scherzhaft „Dr. Gemüse“ genannt, sollte also, zumindest in diesem Punkt, Recht behalten.

Seine umstrittene Anstalt hat ihren Ursprung im 1866 von Adventisten eröffneten Western Reform Health Institute. Zehn Jahre später ernannten die Ältesten der Gemeinde den erst 24-jährigen John Harvey Kellogg zum Chefarzt und Leiter. Kellogg war ein Schüler des Al­ter­na­tiv­me­di­ziners Russell Trall, der 1852 das Hygieo-Therapeutic College in New York gegründet hat­te. Trall sollte 1874 das wohl erste vegane Kochbuch veröffentlichen. Auch Kellogg ernährte sich ab 1887 eine gewisse Zeitspanne lang vegan. Im Laufe der Jahre machte er aus dem ad­vent­ist­isch­en Kurhaus sein „San“, eine Naturheilklinik, die landesweit bekannt wurde und bis 1935 um die 300.000 Patienten anzog, darunter viele Größen aus Wirtschaft und Politik. Mit seinen Büchern, Zeitschriften und Reden erreichte Kellogg ein Mil­li­o­nen­pu­bli­kum. Seine Er­nährungsempfehlungen begründete der Arzt nicht nur medizinisch, sondern auch tierethisch. Von Charles Darwin übernahm er die Vorstellung einer engen evo­lu­tions­­ge­­schicht­­lich­­en Ver­wandt­schaft zwischen Primaten und Menschen. Tiere seien, so seine Über­zeugung, Ge­schöpfe mit ähnlichen Fähigkeiten wie Menschen; nur eines fehle ihnen im Vergleich zu uns: Die Gabe der Sprache. Er überlegte, wie es wohl wäre, wenn das Lamm, dem der Metzger die Kehle durch­schneiden will, den Schlächter plötzlich um sein Leben bitten würde – würde er die un­schul­di­ge Kreatur dann immer noch töten können? Als die Fleisch­in­dustrie die US-Ame­ri­ka­ner Anfang der 20er-Jahre mit einer breitangelegten Werbekampagne zu mehr Fleischkonsum be­wegen wollte, antwortete Kellogg mit einem Pamphlet, das in der Aussage gipfelt: „Das Ge­schäft des Schlachtens ist eine Schule für Mörder.“ Kellogg polemisierte „gegen die Schrecken der industriellen Fleischproduktion, noch bevor der Schriftsteller Upton Sinclair in seinem Ro­man The Jungle die Schlachthöfe Chicagos als Symbol des ausbeuterischen Kapitalismus be­schrieb“, wie es in einem Buch zum Thema heißt. Sinclair, dessen 1906 publizierter so­zi­al­kri­tisch­er Roman zu einem Fleischskandal führte, war selbst mehr­mals Gast im „San“.

Mit der Sanitas Food Company, die ab 1897 Kellogg’s Cornflakes herstellte, waren die Kellogg-Brüder auch Pioniere der Food-Industrie. Anfangs waren die Cornflakes, die zu­nächst aus Wei­zen bestanden, ohne Zucker. Als Will Keith Kellogg 1906 begann, seinen Corn­flakes Zucker hin­zu­zu­fü­gen, zerstritten sich die Brüder darüber und sprachen nie mehr miteinander. Will grün­de­te seine eigene Firma, die später zur weltbekannten Kellogg Company wurde. John Har­vey Kellogg vertrieb seine Erfindungen über seine Battle Creek Food Company. In seinem ku­li­na­risch­en Labor braute der spitzbärtige Doktor zahlreiche Neu­schöpfungen zu­sammen, da­runter viele Pro­dukte aus Soja, aber auch Lebens­mittel wie „Nuttolene“, eine Kä­se­­al­ter­na­tive aus Nüssen, und die Fleisch­al­ter­na­tive „Protose“. Das Ge­misch aus Erd­nüs­sen und Wei­zen­­ei­weiß sollte zu einem der be­kanntesten Pro­dukte seines Unter­nehmens werden: Bis 1930 wur­den mehrere tausend Ton­nen dieses „Specially Prepared Health Foods“ verkauft. Von Ad­ven­tis­ten wurden in der Folgezeit über 170 Produkte auf der Basis von Weizeneiweiß entwickelt.


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T.C. Boyle: Willkommen in Wellville. Roman. Deutsch von Anette Grube, München 2006, S. 10, S. 13, S. 9.

Claus Leitzmann, Markus Keller: Vegetarische Ernährung. Unter Mitarbeit von Ute Brehme, Andreas Hahn, Mathias Schwarz u.a., 2. Auflage, Stuttgart 2010, S. 113, S. 132.

Albert Wirz: Die Moral auf dem Teller, dargestellt am Leben und Werk von Max Bircher-Benner und John Harvey Kellogg, Zürich 1993, S. 159.

John Harvey Kellogg: The Natural Diet of Man, Battle Creek 1923, S. 227. Eine digitalisierte Neuauflage findet sich hier.

Albert Wirz: Die Moral auf dem Teller, dargestellt am Leben und Werk von Max Bircher-Benner und John Harvey Kellogg, Zürich 1993, S. 175.

„1887: Der kontroverse US-amerikanische Arzt Dr. John Harvey Kellogg fängt an sich rein pflanzlich zu ernähren. In seinem Sanatorium werden aber weiterhin Eier und Milchprodukte verwendet (genau wie in den Rezepten in all seinen Büchern). 40 Jahre später fing Kellogg wieder an, Milchprodukte zu konsumieren“ (Christian Köder: Veganismus, Ellwangen 2014, S. 10).

„Die ersten Kelloggschen Cornflakes, so wird erzählt, waren 1894 das Produkt eines Versehens: Am Ende eines langen Arbeitstags blieb damals eine kleine Schüssel mit gekochtem Weizen übrig, die über Nacht eintrocknete. Zum Glück, wie sich später zeigen sollte: Denn die abgestandenen Körner ließen sich nun problemlos walzen, rösten und mahlen. ‚Granose‘, wie Dr. Kellogg das neue Produkt zunächst taufte, war geboren“ (Karin Seethaler: Erfindung der Cornflakes: Doktor Kelloggs irre Anstalt, spiegel.de, 16.3.2012).

Die Patienten wurden mit teilweise merkwürdigen Geräten und dubiosen Methoden behandelt. Legendär ist auch die Sexualfeindlichkeit Kelloggs, die vor allem in seiner Schrift Plain Facts for Old and Young (1888) zum Ausdruck kommt und zum Teil verheerende Auswirkungen vor allem auf junge Patienten hatte, was man etwa hier nachlesen kann.

William Shurtleff, Akiko Aoyagi: Dr. John Harvey Kellogg and Battle Creek Foods: Work with Soy. A Chapter from the Unpublished Manuscript, History of Soybeans and Soyfoods, 1100 B.C. to the 1980s, soyinfocenter.com, 2004.

Die Inhaltsstoffe lassen sich hier einsehen.