16. Dezember:
„Zurück zur Natur!“

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Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts entstand im deutschsprachigen Raum eine Bewegung, die alternative Lebensentwürfe propagierte und praktizierte: Die Lebensreformbewegung. Unter ihren Protagonisten befanden sich viele Vegetarier und auch bereits einige Veganer.

„Es war am 3. Mai 1832, dass ich in Rousseaus Émile eine Stelle aus Plutarch las, welche mit glü­henden Farben schildert, wie grausam der Mensch den Tieren gegenüber zu Werke gehe. Schon stand mein Mittagessen auf dem Tische, ich aber fasste den Entschluss, kein Fleisch mehr zu essen, und habe ihn gehalten bis auf den heutigen Tag.“ – So heißt es in Pflan­zen­kost, die Grundlage einer neuen Weltanschauung, einer 1869 von Gustav Struve ver­öff­ent­lich­ten Schrift. Im Jahr zuvor hatte Struve, Rechtsanwalt, Radikaldemokrat und Revolutionär der Märzrevolution von 1848/49, zusammen mit 20 anderen Personen in Stuttgart einen der ersten vegetarischen Vereine Deutschlands gegründet. Neben dem Apotheker Theodor Hahn und dem freireligiösen Theologen Eduard Baltzer, der im Jahr 1867 in Nordhausen, einer Stadt in Thüringen, den „Verein für natürliche Lebensweise“ gründete, gilt er als einer der Begründer der vegetarischen Bewegung im deutschsprachigen Raum.

Auf Theodor Hahn geht auch der Begriff der Naturheilkunde zurück. Sein Buch Die na­tur­ge­mäße Diät, die Diät der Zukunft (1859) wurde zum Standardwerk der Lebensreformbewegung, und auch als Herausgeber des viel gelesenen Fachblattes Der Naturarzt verbreiteten sich seine Ideen. Die Lebensreformbewegung, zu der sich Naturheilbewegung, Vegetarismus und andere Reformbestrebungen verbanden, war eine Reaktion auf die negativen Begleiterscheinungen der Industrialisierung: Angesichts der zunehmenden Schäden an der Umwelt und der veränderten Ernährungs- und Lebensgewohnheiten forderten die Reformer die Rückkehr zu einer „na­tur­ge­mäß­en Lebensweise“. „Der allgemeine Tenor lässt sich mit dem Begriff ‚Rousseauismus‘ be­schreiben“, heißt es in einem Standardwerk zum Thema. Die Losung „The Return to Nature“ war bereits der Titel einer der ältesten Schriften des modernen Vegetarismus, und Adolf Just, Entdecker der Heilerde und Gründer der Naturheilanstalt „Jungborn“, formte dieses Schlagwort um in den Imperativ „Kehrt zur Natur zurück“, mit dem er eine Broschüre aus dem Jahr 1896 ti­tulierte. Selbstverständlich forderten die Lebensreformer – genauso wenig, wie Rousseau das getan hat­te – nicht die Rückkehr in einen primitiven Urzustand; im Gegenteil: „Die Le­bens­re­for­mer hielten ihren natur-, gesundheits- und körperbewusst gewählten Lebensstil für ebenso wenig antimodernistisch, wie es viele Alternativbewegungen auch heute noch tun. Vielmehr waren sie davon überzeugt, dass ihre Ideen in die Zukunft wiesen, und damit hatten sie gar nicht so unrecht, denn viele ihrer Ideen sind in unser modernes Alltagsleben diffundiert und zu all­ge­meinen Trends geworden“, schreibt Sabine Merta. So war schon bei den Le­bens­­re­­form­ern selbst manchmal auch von „Vorwärts zur Natur!“ die Rede.

„Anders leben: Wilder denken, freier lieben, grüner wohnen“ lautet daher der Titel der Ausgabe des Zeit Geschichte-Magazins zum Thema – das klingt eigentlich recht modern. Man sollte da­­bei nicht übersehen, dass es sehr verschiedene Ausformungen gab, tatsächlich aber haben vie­les von dem, was in den letzten Jahren und Jahrzehnten wieder neu auf­gekommen ist, schon die Lebensreformer propagiert und prak­ti­ziert: Vegetarismus, Ve­ga­nis­mus, Voll­wert-, Roh­kost- oder zuckerreduzierte Ernährung etwa, prä­ven­ti­ve Ernährungsmedizin, Sonnenbäder, Schlank­heits­kuren und Fitness, Textilien aus Na­tur­fa­sern, Urban Gardening, bio­logische und bio-vegane Landwirtschaft, Partnerschaften ohne Trau­schein – die im Volks­mund als „ve­ge­ta­ri­sche Ehen“ bezeichnet wurden, weil sie zur damaligen Zeit vorwiegend von Le­bens­re­form­ern praktiziert wurden –, und viele andere Dinge. Natürlich wurde einiges da­von damals anders ge­nan­nt; so war etwa von der „Gar­ten­stadt­be­we­gung“ die Rede, oder von „Licht- und Luft­ku­ren“ und „vegetabiler Milch“. Die Le­bens­re­form­er gingen im Allgemeinen davon aus, dass eine Er­nähr­ung auf pflanzlicher Basis die „natürlichste“ und gesündeste für den Menschen sei.

Um die theoretischen Ansätze der Ernährungsreform in der Praxis durchzusetzen, entstand ein neuer Wirtschaftszweig: Seit den 1880er-Jahren eröffneten nicht nur zahlreiche vegetarische Restaurants, auch eigene Produktionsbetriebe – wie beispielsweise das „Thalysia-Werk“ in Leipzig oder die „Nuxo-Werke Rothfritz & Co“ in Hamburg – wurden gegründet, die ihre Er­zeug­nis­se auf speziellen Messen präsentierten, und vor allem entstanden jene Läden, die heu­te die sichtbarste Hinterlassenschaft der Lebensreformbewegung im Stadtbild sind: Die Re­form­häu­ser. Das erste war die 1887 gegründete „Gesundheitszentrale Berlin Carl Braun“ am Cott­busser Damm. Die Reformhäuser waren nicht nur jahrzehntelang die ersten und einzigen Ver­kaufs­stel­len für Vollkornbrot – erst ab 1930 begannen auch Einzelhandelsgeschäfte, es an­zu­­biet­en –, sondern auch für pflanzliche Alternativprodukte.

Beispielsweise entwickelte der Arzt Heinrich Lahmann, später Leiter einer vegetarischen Na­tur­heil­an­stalt bei Dresden-Loschwitz und einer der ersten Forscher, die auf die für den Körper notwendigen Mineralstoffe aufmerksam machten, bereits als Student eine pflanzliche Milch auf Basis von Mandeln und Nüssen, die nicht nur unter Vegetariern beliebt war, sondern auch in der damaligen Säug­lingser­nährung weite Verbreitung fand, und später kreierte er auch ein Fleisch­­al­ter­na­tiv­pro­dukt, das er „Japan-Soja“ nannte. Der Chemiker Volkmar Klopfer gründete im Jahr 1900 in Dresden-Leubnitz das „Nahrungsmittelwerk Dr. Klopfer“; dort bildete ein von ihm an­ge­mel­de­tes Patent zur „Trennung von Weizenmehl in Stärke und Eiweiß“ den Aus­gangs­punkt der Arbeit. Das heute noch hergestellte, rein pflanzliche Weizeneiweißkonzentrat na­mens „Glidine“, das von ihm entwickelt wurde, „war als geeignetes Eiweißergänzungsmittel für die veganen Vegetarier ge­dacht“, wie es in einem Buch zum Thema heißt.

Über lange Zeit hinweg sollten die Reformhäuser und -versände auch die einzigen Be­zugs­quel­len für pflanzliche Fleischalternativprodukte sein; sie wurden zu den Ver­kaufs­stel­len für „die na­tur­be­las­sene, meist vegane Gesundkost, die vor allem aus Obst, Kernen und Getreide, aber etwa auch aus Hefeextrakt bestand“, wie Florentine Fritzen schreibt – solche Erzeugnisse wa­ren „noch lange nicht überall zu haben. Bis sich erste Marken etablierten und über kleine, ein­ge­schwo­re­ne Kreise hinaus bekannt wurden, dauerte es noch eine ganze Weile“.


Damals hätte man wohl nicht gedacht, dass in einem populären Magazin über ein ve­ga­nes Na­tur­kost­produkt einmal stehen würde: „Da lassen Sie das Bratwürstchen vom Schlach­ter gern mal links liegen“, wie Men's Health über unsere Vegane Thuringen geschrieben hat. Wir ver­lo­sen heute fünfmal fünf Packungen unserer hellen Bratwurst.

Gustav Struve: Pflanzenkost, die Grundlage einer neuen Weltanschauung, Stuttgart 1869, S. 1.

Judith Baumgartner: Vegetarismus: Besser essen, besser sein, zeit.de, 21.5.2013.

Wolfgang R. Krabbe: Gesellschaftsveränderung durch Lebensreform. Strukturmerkmale einer sozialreformerischen Bewegung im Deutschland der Industrialisierungsperiode, Göttingen 1974, S. 48.

Sabine Merta: Wege und Irrwege zum modernen Schlankheitskult. Diätkost und Körperkultur als Suche nach neuen Lebensstilformen 1880-1930. Mit 123 Abbildungen (Studien zur Geschichte des Alltags. Herausgegeben von Hans J. Teuteberg, Peter Borscheid, Clemens Wischermann, Band 22), Stuttgart 2003, S. 32.

Sabine Merta: Wege und Irrwege zum modernen Schlankheitskult. Diätkost und Körperkultur als Suche nach neuen Lebensstilformen 1880-1930. Mit 123 Abbildungen (Studien zur Geschichte des Alltags. Herausgegeben von Hans J. Teuteberg, Peter Borscheid, Clemens Wischermann, Band 22), Stuttgart 2003, S. 188.

Adolf Just: Kehrt zur Natur zurück! Die naturgemäße Lebensweise als einziges Mittel zur Heilung aller Krankheiten u. Leiden des Leibes, des Geistes u. d. Seele. Das naturgemäße Bad, Licht u. Luft in ihrer Anwendung im vollen Sinne der Natur, Die Erdkraft als wichtigstes Heilmittel der Natur, Naturgemäße Ernährung, Braunschweig 1896. – Den Volltext der englischen Übersetzung – mit dem Untertitel „Paradise Regained“ versehen – gibt es hier online.

Thalysia (Θαλύσια) war im antiken Griechenland ein Erntefest, das zu Ehren Demeters, der Göttin des Ackerbaus und des Getreides, gefeiert wurde. Bevor der englische Begriff „vegetarianism“ (als „Vegetarianismus“, später verkürzt zu Vegetarismus) ins Deutsche übernommen und allgemein üblich wurde, bezeichneten viele Vegetarier ihre Lebensweise auch als „Thalysianismus“. Der französische Autor Jean-Antoine Gleïzès hatte 1841 sein Werk Thalysie; ou, La nouvelle existence veröffentlicht (ins Deutsche übersetzt von Robert Springer unter dem Titel Thalysia oder Das Heil der Menschheit), das international großen Einfluss auch auf die vegetarische Bewegung hatte. So sprach etwa die englische Ärztin und Frauenrechtlerin Anna Kingsford anfangs von „Thalysianismus“, und auch Eduard Baltzer verwendete den Begriff Thalysia. Einige vegetarische Restaurants trugen diesen Namen, und noch Ende der 1920er-Jahre gründete Paul Grams in Leipzig einen Verlag mit dem Namen Thalysia und veröffentlichte unter anderem die Thalysia-Monatshefte sowie ein Thalysia-Handbuch für Gesundheitspflege.

Anders leben: Wilder denken, freier lieben, grüner wohnen – Jugendbewegung und Lebensreform in Deutschland um 1900, Zeit Geschichte Nr. 2/2013.

In der Lebensreform waren etwa auch völkisch-nationalistische Ansätze vertreten. „Das Spektrum ihrer Inhalte und Träger bewegte sich zwischen fortschrittlichen, emanzipatorischen, pazifistischen und utopisch-revolutionären Elementen auf der einen Seite und deutlich rückwärtsgewandten, antimodernistischen, traditionalistischen und antiliberalen Zügen auf der anderen“, heißt es etwa in einer medizinhistorischen Arbeit zum Thema – das habe der Lebensreformbewegung die Kritik eingetragen, bereits im Ansatz gesellschaftlich verfehlt gewesen zu sein. Diese Ansicht sei so aber nicht haltbar: So habe etwa gerade die vegetarische Bewegung „auch ein starkes sozial- und wirtschaftskritisches Moment“ enthalten (Bernhard Herrmann: Arbeiterschaft, Naturheilkunde und der Verband Volksgesundheit (1880-1918) (Marburger Schriften zur Medizingeschichte, Band 27), Frankfurt am Main, Bern, New York u.a. 1990 S. 98, S. 100).

Der Jungborn war die erste und größte Naturheilstätte Deutschlands und gelangte dabei zu Weltruf, auch, da ihn zahlreiche Prominente zur Erholung und Entspannung besuchten. Franz Kafka soll dort seine Schreibkrise überwunden haben (Stefan Klein: Aufstieg und Fall der größten deutschen Naturheilanstalt: Wie Frank Kafka am Nordrand des Harzes seine Schreibkrise überwand, Volksstimme, 6. Dezember 2003).

Florentine Fritzen: Gesünder leben. Die Lebensreformbewegung im 20. Jahrhundert, Stuttgart 2006, S. 310.

Florentine Fritzen: Gemüseheilige. Eine Geschichte des veganen Lebens, Stuttgart 2016, S. 45.

Das von ihm herausgegebene „Vereinsblatt für Freunde der natürlichen Lebensweise“ ist online einsehbar auf der Seite des Magnus-Schwantje-Archivs.