17. Dezember:
Spinatbrüder

Mitmachen und Weenies, Winzi-Weenies, Winner-Schnitzel gewinnen!

Rund 125 Jahre vor dem aktuellen Veggie-Boom war Wien schon einmal Schauplatz einer vielfältigen vegetarischen Bewegung. Die Historikerin Birgit Pack erforscht diese derzeit im Rahmen eines interessanten Forschungsprojekts.

„Unter dem Vorsitze des Herrn Gustav Struve hat sich vorgestern ein Verein der Freunde der natürlichen Lebensweise konstituiert“, meldete die österreichische Zeitung Neue Freie Presse am 13. Februar 1870. Diese Vereinsgründung zeige, so Birgit Pack, „dass der ‚Vegetarianismus‘ (so der zeitgenössische Terminus) im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts auch in der Haupt­stadt der Habsburgermonarchie angekommen war“. Struve, einer der Begründer der deutsch­sprach­ig­en vegetarischen Bewegung, war 1869 nach Wien gezogen. Nicht nur organisatorisch, auch im Alltag leistete er Überzeugungsarbeit – der Journalist Sigmund Wilheim erinnerte sich 1897: „Mit dem ganzen Feuer der Beredsamkeit, deren dieser alte Revolutionär fähig war, er­öff­ne­te er gegen jede Fleischfresserei einen unerbittlichen Guerillakrieg, und es gelang ihm ja auch in der Tat, unter den Karnivoren des Café Griensteidl sozusagen eingefleischte Apostel der alleinseligmachenden Pflanzenkost, ja förmliche Gemüsezeloten, heranzuzüchten.“

Neben den Vereinen wurden vor allem die in den 1870er-Jahren entstehenden vegetarischen Restaurants zu wichtigen Treffpunkten der Szene, außerdem dienten sie als Ver­an­stal­tungs­or­te für Vorträge. Eines der ersten beschreibt der Unternehmer Friedrich Eckstein in seiner Au­to­bi­o­gra­fie. An der Ecke der Wallnerstraße und der kaum zwei Meter breiten finsteren Fahnen­gasse lag, so heißt es dort, in einem halbdunklen Kellergewölbe „unser verborgenes Ve­ge­ta­ri­er­res­tau­rant“ – sei doch zu jener Zeit, gegen Ende der 1870er-Jahre, der Vegetarismus noch kaum bekannt gewesen. Weiter schreibt er: „Es waren meist junge Menschen, die sich da trafen und an der gemeinsamen Unterhaltung teilnahmen: Studenten, Lehrer, Künstler und Angestellte der verschiedensten Berufe.“ Viele hätten ihr Haar bis auf die Schultern wachsen und sich Vollbärte wachsen lassen, Eckstein selbst ging, „nach den Thesen des Pythagoras, Sommer und Winter stets ganz in Leinen gekleidet“. Dann berichtet er noch: „In einem ge­wis­sen Gegensatz zu dieser Pythagoreer-Gruppe stand die andere, mehr rationalistische der ju­gend­lich­en Sozialisten, die sich dem Vegetarismus vor allem als einem die Völker ver­söhn­end­en, auf eine bessere Zukunft hinweisenden Friedensideal zugewandt hatten.“ Viktor Adler, der Gründer der österreichischen sozialdemokratischen Partei, sei oft zu Gast gewesen und ha­be unter „eifrigen Verkündern der reinen Pflanzenkost“ über die sozialen Probleme und die Thesen von Marx und Engels diskutiert.

Ab 1881 organisierte der „Verein für naturgemäße Lebensweise (Vegetarismus)“, 1892 in „Wie­ner Vegetarierverein“ umbenannt, zahlreiche Veranstaltungen und versuchte, die Schaffung „vegetarischer Speisehallen und Konsums-Stationen“ voranzutreiben. Montag war Veggie-Tag im Wien der frühen 1880er Jahre: Der Verein lud am Wochenanfang regelmäßig in eines der Restaurants zu Vorträgen und Diskussionen, etwa über „Die Tierschutzfrage im Lichte der ve­ge­ta­ri­a­ni­schen Weltanschauung“ oder die „Lederersatzfrage“. Auch prominenten Vegetariern aus Vergangenheit und Gegenwart wie dem griechischen Philosophen Apollonius von Tyana oder dem englischen Dichter Percy Shelley wurden Vorträge gewidmet. Der Höhepunkt der Akt­i­vi­tät­en des Vereins war der im September 1886 abgehaltene Vegetarier-Kongress, zu des­sen Auftakt 250 bis 300 Personen einen Vortrag von Anna Lesser-Kießling verfolgten, in dem die Sozial- und Frauenrechtsaktivistin mit deutlichen Worten gegen die Praxis eintrat, „zu mor­den, um sich zu sättigen“.

Innerhalb von rund 30 Jahren hatte sich in Wien also eine lebendige vegetarische Szene etab­liert und für eine entsprechende Infrastruktur gesorgt. Bei einer insgesamt hohen Fluk­tu­a­ti­on der Betriebe bestanden meist drei bis fünf vegetarische Restaurants zur gleichen Zeit. 1895 wurde auch das erste Reformhaus in der Stadt eröffnet, geleitet vom Ehepaar Marie und Josef Schmall. Marie Schmall gab ihre vegetarischen Koch-Erfahrungen zunächst auf Flugblättern an die Kunden weiter, 1900 veröffentlichte sie dann ihr Kochbuch Die Zukunftsküche. In der Wie­ner Öffentlichkeit sorgten die Vegetarier für einige Aufmerksamkeit: Regelmäßig berichtete die Presse über ihre Veranstaltungen – allerdings, ähnlich wie in Deutschland, wo von „Zwie­back­na­sen“, „Himbeersaftstudenten“ oder „Kohlrabiaposteln“ die Rede war, oft spöttisch. In einem Zeitungsartikel von 1886, der vom Wiener Vegetarier-Kongress berichtet, ist etwa von „Spinatbrüdern“ mit „grünlicher Gesichtsfarbe“ die Rede. Wie Vegetarier wahrgenommen wur­den, zeigt auch der Umstand, dass die Verkleidung als „Vegetarianer“ bei Wiener Faschings-Veranstaltungen beliebt war. So trat beispielsweise 1881 beim Narrenabend des Män­ner­ge­sangvereins in den Sofiensälen eine Gruppe auf, die sich „mit allerlei Gräsern umhangenem Gewande“ und einem Banner mit „vegetabilischen Emblemen“ verkleidet hatte, und noch 1911 wurde bei einem „Lumpenball“ der Varieté-Direktor Leopold Rühl für seine Verkleidung als Ve­ge­tarier prämiert: Er unterhielt die Ballgäste, wie eine Zeitung berichtete, indem er „zum Grün­fut­ter bekehren wollte und stets gerne bereit war, von einigem Grünzeug naschen zu lassen“.


Echte Wiener „Zukunftsküche“: Wiener Würstchen, Wiener Schnitzel – nur rein pflanzlich: Wir ver­losen heute fünf Pakete mit Veganen Weenies, Winzi-Weenies und Winner-Schnitzel! Für die Fest­tage empfehlen wir Zwiebel­schnitzel oder, als leckerer Vor­spei­sen­salat, Ge­backe­ne Fi­let­strei­fen.

Birgit Pack: Vegetarisch in Wien um 1900: Das Forschungsprojekt, veggie.hypotheses.org, 27.10.2016.

Sigmund Wilheim: Das literarische Kaffeehaus, in: Hans Veigl (Hg.): Lokale Legenden. Wiener Kaffeehausliteratur, Wien 1991, S. 64-73, S. 71. – Vgl. Birgit Pack: Gustav Struve und der Wiener Verein für Freunde der natürlichen Lebensweise, veggie-hypotheses.org, 14.11.2016.

Birgit Pack: Der Vegetarianer-Club 1876-1881, veggie.hypotheses.org, 22.11.2016.

Birgit Pack: Der Verein für naturgemäße Lebensweise (Vegetarismus) in den 1880er Jahren, veggie.hypotheses.org, 23.3.2017.

Birgit Pack: Zwei vegetarische Wiener Kochbücher aus der Zeit um 1900, scienceblogs.de, 22.9.2017.

Birgit Pack: Ich geh‘ im Fasching als Vegetarianer, veggie.hypotheses.org, 26.2.2017.

Anna Burghardt: Vegetarismus: Wien und seine Spinatbrüder, diepresse.com, 30.10.2017.

Sabine Merta: Wege und Irrwege zum modernen Schlankheitskult. Diätkost und Körperkultur als Suche nach neuen Lebensstilformen 1880-1930. Mit 123 Abbildungen (Studien zur Geschichte des Alltags. Herausgegeben von Hans J. Teuteberg, Peter Borscheid, Clemens Wischermann, Band 22), Stuttgart 2003, S. 63.

Friedrich Eckstein: Alte unnennbare Tage! Erinnerungen aus siebzig Lehr- und Wanderjahren. Mit sechzehn Bildtafeln, Wien, Leipzig, Zürich 1936, S. 105ff.