18. Dezember:
„Salatorium“

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Einige Lebensreformer versuchten, ihre alternativen Ideen in Gemeinschaften zu verwirk­lich­en: Sie erwarben Land und gründeten Siedlungen. Die meisten davon waren, zu­min­dest zu Beginn, vegetarisch oder sogar vegan.

„Wir essen Salat, ja wir essen Salat, und essen Gemüse früh und spat. Und schimpft ihr den Vegetarier einen Tropf, so schmeißen wir euch eine Walnuss an den Kopf“ – mit seinem „Ge­sang der Vegetarier“ nahm der Dichter Erich Mühsam die vegetarisch und vegan lebenden Menschen auf die Schippe, denen er im Jahr 1905 im Tessin begegnete. Fünf Jahre zuvor hatten fünf Lebensreformer dort vier Hektar Land gekauft; in der Nähe von Ascona gründeten sie zunächst eine „vegetabile Cooperative“, eine Siedlungsgemeinschaft auf veganer Grund­lage. Wenig später wurde das auf einem Hügel mit Blick auf den Lago Maggiore liegende Ge­lände in ein Naturheilsanatorium umgewandelt, das Ascona, wie es in einer 3sat-Do­ku­men­ta­ti­on heißt, „weltberühmt“ machen sollte: „Monte Verità“ wurde zum Treffpunkt von Künstlern und Anhängern alternativer Bewegungen; vor und während des Ersten Weltkriegs sammelten sich dort Emigranten und Flüchtlinge aus den kriegführenden Staaten. Sogar Lenin und Trotzki zählten zu den Gästen, und eben auch Schriftsteller wie Hermann Hesse oder Erich Mühsam. Der spottete zwar und nannte die Naturheilanstalt „Salatorium“, musste aber auch zugeben: „Ge­schmeckt hat mir persönlich die Rohkost, die dem Hungrigen dort vorgesetzt wird, stets vor­züg­lich. Auch fand ich immer unter den Kurgästen der Anstalt vortreffliche und in­te­res­san­te Menschen.“ – Auch Hesse verarbeitete seine Erfahrungen literarisch: „Sonnenbraune Män­­ner mit langwallenden Haaren und Bärten schritten alttestamentlich in weißen Burnussen auf Sandalen einher“, beschrieb er etwa in einer 1910 geschriebenen Erzählung die Siedler; die „oft phantastisch gekleideten Brüder vom reinen Vegetarismus“ seien „Pflanzenesser, deren Be­stre­bungen eine Art von vegetarischem Zionismus waren und dahin zielten, den Anhängern und Bekennern ihres Glaubens ein eigenes Land mit eigener Verwaltung irgendwo in der Welt zu erwerben“.

Das Bestreben, eigene Siedlungen zu gründen und damit die von der Bewegung geforderte „Bo­den­re­form“ voranzutreiben, war ein wichtiges Anliegen der Reformer. „Die unabhängige, selbst­ver­sor­gen­de ländliche Ansiedlung gleichgesinnter Lebensreformer war das Zen­tral­pro­jekt, die wichtigste Idee, die eigentliche Utopie und die grundlegende Sehnsucht in der Le­bens­re­form­be­wegung“, heißt es sogar in einem Buch zum Thema. Verschiedene Formen al­ter­na­tiven Zusammenlebens und -arbeitens entstanden. Eine erste Form dieser Wohn- und Ar­beits­ge­mein­schaft­en – und Vorbild für die Siedlung auf dem Monte Verità – war die 1887 gegründete Landkommune um den Maler und Vegetarier Karl Wilhelm Diefenbach, der heute als Urvater der Alternativbewegungen gilt. Genaue Daten über Anzahl und Umfang all dieser Siedlungen gibt es nicht, man geht jedoch davon aus, dass es allein zwischen 1918 und 1933 etwa 100 davon gegeben hat. Einige Lebensreformer wagten sich weiter als in die Schweiz, nach Italien oder Griechenland, und es gab sogar Siedlungen auf der Südseeinsel Kabakon und der Galapagosinsel Floreana.

Die beständigste deutsche Siedlung ist die Obstbau-Kolonie Eden: Es gibt sie bis heute. Vor bald 125 Jahren, im Mai 1893, trafen sich 37 Reformer im vegetarischen Restaurant „Ceres“ in Berlin-Moabit und gründeten die Siedlungsgemeinschaft. Geeignetes Land hatten sie bereits gefunden, nördlich von Berlin, drei Kilometer westlich von Oranienburg. „Nur 225 Mark sollte jeder der 160 Morgen Land (40 Hektar) kosten. Der Kauf erfolgte am 12. Juli 1893. Der niedrige Preis spricht für geringe Bodenqualität“, so die Berliner Zeitung. Und doch: Im Jahr 1900 stan­den auf dem Gelände nicht nur erste Häuser, sondern auch 15.000 Obstbäume und 50.000 Beerensträucher, und bald schon konnte man mit der Produktion von Marmeladen und Säften beginnen.

In ihrem Buch Gemüseheilige, in dem es um die Geschichte des veganen Lebens in Deutsch­land geht, berichtet Florentine Fritzen: „In den ersten Jahren durften nur Vegetarier solche Heim­stätten errichten und in die Genossenschaft eintreten. Am Anfang war auch jegliche Tier­haltung in der Obstbausiedlung untersagt, die als Früchte-Paradies geplant war. Das Ver­bot muss folglich auch für Hühner und Bienen gegolten haben, nicht nur für Schlachtvieh, wie es spä­ter in Eden der Fall war. Insofern waren die ersten Edener zumindest auf dem Papier Ve­ga­ner. Schon wenige Jahre später allerdings war der Eden-Honig ein wichtiges Exportprodukt der Siedlung.“ Denn die Gemeinschaft, die sich in Teilen ab der Zeit des Ersten Weltkriegs auch verstärkt völkischem Gedankengut gegenüber öffnete, hatte, wie sich etwa in der Chronik der Siedlung nach­lesen lässt, bereits im Jahr 1901 aus Mangel an Siedlern die Bedingung „ve­ge­ta­risch“ aus der Satzung gestrichen, so dass sich auch Nicht­ve­ge­tari­er an­siedeln konnten. Dennoch wurden weiterhin nur ve­ge­tarische Erzeugnisse produziert, und noch im Jahr 1932 fand in Eden der 8. Internationale Vegetarierkongress statt. Zum Verkaufsschlager entwickelte sich die 1908 unter dem Namen „Eden-Reformbutter“ eingeführte, rein pflanzliche Margarine. Im selben Jahr wurde auch mit der Produktion von Fleischalternativen begonnen; den Anfang machte eine „vegetarische Bra­ten­mas­se“ mit dem Namen „Gesunde Kraft“, ab 1930 war ein Pro­­dukt namens „Eden-Pflan­zen­fleisch“ in den Reformhäusern zu bekommen, die noch heute ve­ge­ta­rische Produkte der Mar­ke Eden vertreiben – auch wenn diese mit der Siedlung in­zwi­sch­en nur noch historisch zu­sam­men­hängt.


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Erich Mühsam: Ascona, in: Christlieb Hirte (Hg.): Erich Mühsam: Streitschriften. Literarischer Nachlaß, Berlin 1984, S. 5-48, S. 24.

Bernd Wedemeyer-Kolwe: Aufbruch. Die Lebensreform in Deutschland, Darmstadt 2017, S. 124.

Maritta Adam-Tkalec: Obstbau-Kolonie Eden Als das vegetarische Leben in Berlin seinen Anfang nahm, berliner-zeitung.de, 29.5.2017.

Florentine Fritzen: Gemüseheilige. Eine Geschichte des veganen Lebens, Stuttgart 2016, S. 64.

So heißt es auf der Eden-Website. Renate Schwärzel führt Fleisch- und Wurstersatz bereits für das Jahr 1908 auf: Gesellschaft für Unternehmensgeschichte e.V. (Hg.): Deutsche Wirtschafts Archive. Nachweis historischer Quellen in Unternehmen, Körperschaften des Öffentlichen Rechts (Kammern) und Verbänden der Bundesrepublik Deutschland, Band 1. Dritte, völlig neu bearbeitete Auflage, Stuttgart 1994, S. 75.

Die Lebensreformer forderten, was Landbesitz angeht, eine grundsätzliche Umverteilung. Laut Baltzer sollte die vegetarische Lebensweise auch dazu beitragen, die großgrundbesitzerische Tierhaltung überflüssig zu machen. In seinen Ideen zur socialen Reform (1873) heißt es: „Der Gemeinschaftsgeist erfordert, dass wir die Erde als unser gemeinsames Eigentum betrachten und behandeln, so gut wie Luft und Sonnenlicht. Warum tut Ihr es nicht? Ihr sagt: ‚das tun die Wilden; aber Ackerbau, Kultur, ohne persönliches Eigentumsrecht ist unmöglich!‘. Ich aber sage: gerade dieser Raub der Erde ist der erste und tiefste Grund menschlichen Elends, und so lange er besteht, ist die soziale Frage unlösbar“ (Eduard Baltzer: Ideen zur socialen Reform, Nordhausen 1873, S. 14). Sein Programm kann man folgendermaßen beschreiben: „Die Erde ist Gemeineigentum, unproduktive Ausgaben (Tierzucht, Militär) müssen abgebaut werden und die naturgemäße Lebensweise und vegetarische Diät an ihre Stelle treten“ (Bernhard Herrmann: Arbeiterschaft, Naturheilkunde und der Verband Volksgesundheit (1880-1918) (Marburger Schriften zur Medizingeschichte, Band 27), Frankfurt am Main, Bern, New York u.a. 1990 S. 98, S. 100).

Hermann Hesse: Doktor Knölges Ende, in: Der Weltverbesserer und Doktor Knölges Ende. Zwei Erzählungen, Frankfurt am Main 1985, S. 73-87, S. 77ff. – Ein ausführlicher Artikel darüber, wie Hesse in seinen Erzählungen und Romanen die Erfahrungen und Ideen aus seiner Zeit in Ascona literarisch verarbeitete, findet sich hier. Es gibt auch eine filmische Dokumentation über Hesses Beziehungen zur Lebensreformbewegung; Informationen zum Film unter hesse-film.de. In einem Artikel zum Thema heißt es, Hesse haben 1907 am Monte Verità „zusammen mit dem Guru, dem zwei Jahre jüngeren Gusto Gräser – in einer Felsgrotte“ gehaust, und: „Zurück in Gaienhofen führte Hesse zu Hause ein strenges Veganer-Regiment ein.“

„Reibungslos lassen sich die naturverbundenen Lebensreformer gleichschalten und nehmen ‚Blutreinheit‘ in ihre Statuten auf“, heißt es in einem Radiobeitrag über die Zeit ab 1933 (Prisca Straub: 28. Mai 1893: Eden, erste vegetarische Siedlung gegründet, br.de, 28.5.2015). Über die Zeit vor 1933 heißt es im Handbuch der „Völkischen Bewegung“, Eden sei „gerade nicht auf eine Parteirichtung festgelegt gewesen. Vielmehr betonten Edener Veröffentlichungen der Weimarer Zeit, dass auf der Siedlung ‚die mannigfaltigsten geistigen Richtungen‘ vertreten seien und eine ‚geistige Buntscheckigkeit‘ herrsche. Völkisch-vaterländische Ziele standen neben der Auffassung der Lebensreform als einer ‚wahren Menschheitskultur‘“ (Ulrich Linse: Völkisch-rassische Siedlungen der Lebensreform, in: Uwe Puscher, Walter Schmitz, Justus H. Ulbricht (Hg.): Handbuch zur „Völkischen Bewegung“ 1871-1918, München 1999, S. 397-410, S. 400). Über die völkischen Tendenzen heißt es bei George L. Mosse: „1916 wurde anlässlich der ersten Feier des ‚Freiland-Tages‘ in Eden verkündet: ‚Zu solchem Siedeln ist die deutsch-völkische Gesinnung Voraussetzung. Und dazu befähigt nur deutsches Ariertum.‘“ (George L. Mosse: Die völkische Revolution. Über die geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus, Frankfurt/Main 1991, S. 123f.).

„Es gab zwar offenbar schon länger Margarine-Produkte, die aber grässlich gewesen sein müssen: Sie waren nicht etwa frei von Tierprodukten, sondern enthielten im Gegenteil außer Wasser und Milch noch minderwertige Tierfette, anfangs angeblich sogar zerstoßenen Kuheuter. Im Vergleich zur Kuhmilchbutter hatten diese frühen Margarinen also nur den Vorteil, billig zu sein“ (Florentine Fritzen: Gemüseheilige. Eine Geschichte des veganen Lebens, Stuttgart 2016, S. 71). Unter den ersten Reform-Produkten waren daher nicht nur pflanzliche Alternativen zu Milch, sondern auch zu Butter. Um der „Verwechslung“ mit Butter aus Kuhmilch vorzubeugen, wurde zuerst für alle Margarine-Arten die Würfelform vorgeschrieben, dann wurde, aus wettbewerbsrechtlichen Gründen, die Bezeichnung „Pflanzenbutter“ verboten.

„Auf dem ‚Wahrheitsberg‘ bei Ascona verdonnerte die Feministin Ida Hofmann zivilisationsmüde Aussteiger um 1900 zu streng veganer Kost. Doch nicht alle wollten auf Steak und Käse verzichten“, so ein Spiegel-Artikel (Corina Kolbe: Aussteiger-Kolonie Monte Verità: „Es verbrenne das Faule, das Tote im Menschen!“, spiegel.de, 17.3.2017). Ein Buch zum Thema berichtet: „Es traten schwierige Probleme auf, bei denen Prinzip und Praxis meist in Konflikt miteinander gerieten. So hätte zum Beispiel nach der orthodoxen Anschauung jedes tierische Produkt abgelehnt werden müssen. Vorläufig wurde allerdings noch nicht streng nach dieser Theorie gelebt. Jedoch wurde der Genuss von Milch und Butter sowie der Gebrauch von Leder auf das Notwendigste eingeschränkt. Es bestand die Ansicht, dass es in Konsequenz der Erkenntnis unrecht sei, überhaupt Tiere zu halten“ (Robert Landmann: Acona – Monte Verità. Auf der Suche nach dem Paradies, Frauenfeld, Stuttgart, Wien 2000, S. 45). Später wurde „das Regime in ernährungs- und bekleidungstechnischen Fragen“ verschärft: „Der Ausschluss jedes tierischen Produktes, des Salzes sowie auch wollener Kleidungsartikel wird nun im Sanatorium Monte Verità zum Prinzip erhoben“ (ebd., S. 69).

Die Gründer des Monte Verità, Ida Hofmann und Henri Oedenkoven, „lebten selbst eine Extremform des Vegetarismus, den sie ‚Vegetabilismus‘ nannten. Sie verzichteten auf alle tierischen Produkte, also neben dem Fleisch auch auf Milchprodukte, Eier und Honig“, heißt es in einem Buch zum Thema, und: „Das Prinzip, das auf dem Monte Verità am konsequentesten durchgesetzt wurde, war der Vegetarismus, der seit 1850 in Deutschland ständig mehr Anhänger gefunden hatte und zu einer regelrechten Bewegung mit eigenen Zeitschriften angewachsen war. Von 1899 an, als sie sich in Riklis Sonnenklinik kennen lernten, sind Ida Hofmann und Henri Oedenkoven nie von ihrer vegetarischen Einstellung abgewichen, als persönliche Lebensauffassung blieb er unangetastet. Alle Kompromisse, die sie später im Sanatorium eingehen mussten, um genug Gäste anzuziehen, bezogen sich nicht auf sie persönlich, sondern waren ökonomisch motivierte Anpassungen, die eigentlich ihrer Intention zuwider liefen. In allen vier programmatischen Schriften, die Ida Hofmann verfasste, setzte sie sich dafür ein, den Vegetarismus populär und allgemein anerkannt zu machen, also mit einem Grossteil ihrer publizistischen Energie“ (Andreas Schwab: Monte Verità – Sanatorium der Sehnsucht, Zürich 2003, S. 78).

Er wurde damals zum „Kohlrabiapostel“ und weltfremden Spinner degradiert, aber: „Sein früher Feldzug für ein Leben im Einklang mit der Natur, für Mäßigung und eine friedliche Religion der ‚Menschlichkeit‘ erscheint mit Blick auf die ökologischen, ökonomischen und politischen Probleme unserer Zeit erstaunlich aktuell“ (Claudia Wagner: Karl Wilhelm Diefenbach: „Erkenne, Menschheit, deine Mutter, die Natur“, br.de, 14.12.2013). In einem Zeitungsartikel wird er „Kulturrebell und Missionar zukünftiger Generationen“ genannt (Eva Dietrich: Ein Querschläger im „Schloss der Träume“, nzz.ch, 21.9.2011).