2. Dezember:
Gras und Steine

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In Indien entwickelte sich etwa ab der Mitte des ersten Jahrtausends vor unserer Zeit­rechnung eine vielfältige vegetarische Kultur.

„Fleisch bekommt man nicht aus Gras, Holz oder Stein. Man muss dafür ein Lebewesen töten, das uns selbst ähnlich ist“, heißt es im indischen Epos Mahabharata. „Ahimsa“ (अहिंसा), das „Nichtverletzen“ anderer Lebewesen, wird darin als die höchste Tugend beschrieben: Wer intelligent und verständig sei, solle sich gegenüber anderen Wesen so verhalten, wie er es sich auch für sich wünsche, und daher solle man in keinem anderen Lebewesen Angst erzeugen oder es schädigen. Nicht nur, wer ein Tier festbinde, ergreife oder töte, wende hiṃsā (Gewalt) an – auch, wer Fleisch kaufe, koche oder es verzehre. Außerdem komme Vegetarismus einem selbst zugute: Wer nach einem langen Leben, nach geistiger und körperlicher Kraft, nach Ge­sundheit und Glück strebe, der solle kein Fleisch essen. Dann heißt es noch, wer auf Fleisch verzichte, dessen Verdienst sei so groß, „als würde er jeden Monat ein Pferdeopfer durch­führen“. In diesen Worten spiegelt sich ein historischer Prozess wider: Wie in vielen anderen Re­li­gi­on­en, so waren auch in den frühen Varianten jener indischen religiösen Aus­drucks­form­en, die man gemein­hin mit dem Begriff Hinduismus zusammenfasst, rituelle Tieropfer mit an­schlie­­ßen­­dem Verzehr des Fleisches noch weit verbreitet. Zunehmend wurde diese Praxis aber abgelehnt.

Dies hatte, so die gängige Auffassung, auch einen sozialpolitischen Hintergrund: Im Lauf der Zeit war das Opferwesen so kompliziert geworden, dass sich ein Priesterstand herausbildete, die Brahmanen, deren Ritualwesen ihnen, wie es in einem religionsgeschichtlichen Werk heißt, „eine privilegierte Monopolstellung gab, wie sie keine Priesterkaste der Welt je besessen hat“. Die religiösen Reformbewegungen, die sich gegen das Opfer- und das Kastenwesen rich­tet­en, waren auch eine Kritik an dieser mächtigen Position und ergriffen daher schnell die Massen. Die Priester mussten sich anpassen: „Diese neue Auffassung setzte sich so erfolgreich durch, dass im ersten vorchristlichen Jahrhundert sogar die Brahmanen, das heißt die Priester des ortho­doxen vedischen Glaubens, Rituale entwickelt hatten, bei denen keine Tieropfer mehr voll­zogen wurden. Alle drei großen Religionen Indiens – die vedische, der Buddhismus und der Jainismus – bekundeten nun übereinstimmend, und zwar entweder ausdrücklich oder durch ihr Verhalten, dass die Kuh heilig sei“, wie die Schriftstellerin Reay Tannahill anmerkt. In der See­len­wanderungslehre fand dieser Prozess seinen religiösen Niederschlag. Zum ersten Mal in den Upanishaden, deren älteste um 700 vor unserer Zeitrechnung entstanden sein dürfte, kam der Glaube an die Wiedergeburt und die Überzeugung, dass zwischen Men­schen und Tieren nur ein gradueller, kein essentieller Unterschied besteht, zum Ausdruck, und ausgehend von die­sen Vorstellungen entwickelte sich in Indien in den fol­genden Jahrhunderten eine vielfältige vegetarische Kultur, auch wenn nicht alle Rich­tung­en das Ahimsa-Gebot gleich streng inter­pre­tier­ten.

Das Wertesystem, das sich im Rahmen der indischen Religionen, Philosophien und Ernähr­ungs­lehren entwickelt hat, ist also umfassend, Subjekt und Objekt dieser Ethik sind alle Lebewesen, nicht nur der Mensch. „Dies ist der Grund, warum in Indien ein ganzes Volk, das sich einst von Fleisch nährte, diese Nahrung aufgab, aus dem Gefühl der Liebe zu allem Lebenden – eine Tatsache, die einzig dasteht in der Geschichte der Menschheit“, schrieb der bengalische Künstler, Philosoph und Träger des Nobelpreises für Literatur Rabindranath Tagore im Jahr 1921. Und noch heute ist Indien das Land, in dem die meisten Vegetarier leben, Schät­zung­en gehen von bis zu 40 Prozent der Bevölkerung aus. „Auch wenn diese Zahl langsam zurückgeht: Fleischesser werden noch immer ‚Nicht-Vegetarier‘ genannt. Laut UN-Angaben essen Inder im Schnitt nur rund fünf Kilogramm Fleisch pro Kopf und Jahr, so wenig wie sonst fast nirgendwo auf der Welt“, heißt es in einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 2014. Die großen Fast-Food-Ketten, die sich im Land verbreitet haben und die in anderen Ländern vor allem Pro­duk­te mit Fleisch verkaufen, eröffnen teilweise rein vegetarische Filialen, und im Super­markt müssen alle Produkte mit Fleischzutaten einen braunen Punkt auf der Ver­packung tragen, wäh­rend vegetarische Produkte einen grünen Punkt bekommen. Kulturell ist der Vegetarismus also noch immer tief verankert. Als 2016 in England Geldscheine, die Spuren tierischen Fettes enthalten, eingeführt wurden, gingen dort 130.000 Menschen auf die Straße, um zu pro­tes­tier­en – Vegetarier, Veganer und Hindus. In Indien selbst allerdings befindet sich das Ess­ver­hal­ten im Wandel: Junge Hindus wollen sich den Traditionen nicht mehr beugen, und für viele aus der Mittel- und der Oberklasse ist Fleisch kein Tabu mehr, so dass manche Schät­zungen da­von aus­gehen, dass inzwischen nur noch ein Drittel der Hindus des Landes Ve­ge­ta­rier seien.

Im Jainismus dagegen, der im sechsten vorchristlichen Jahrhundert entstanden ist, gilt das Ge­bot der Gewalt­losigkeit noch immer rigoros: Seine vier Millionen Anhänger sind „bis heute strenge Vegetarier und tatkräftige Tierschützer“, wie es in einem Artikel zum Thema heißt. Das geht mitunter sogar so weit, dass sich Jain-Mönche Tücher vor den Mund binden, um keine In­sek­t­en einzuatmen, oder den Weg vor sich mit einem Besen fegen, damit sie nicht auf kleine Tiere treten. In Indien sind die Jainas außerdem durch ihre „Tierkrankenhäuser“ bekannt, in denen sie verletzte Tiere medizinisch versorgen. Auch politisches Engagement für Tiere und für den Vege­tarismus hat bei ihnen Tradition: Im Lauf der Geschichte wandten sich Jainas immer wieder an die jeweiligen Herrscher, um rituellen Schlachtungen Einhalt zu gebieten, und es gibt unzählige Geschichten, welche von Laien berichten, die zur Schlachtung vorgesehene Opfer­tiere freigekauft haben. „Das ist die Quintessenz der Weisheit: nichts zu töten“, heißt es in einer wichtigen Schrift der Jainas, und: „Man sollte aufhören, lebende Wesen zu verletzen.“


Nicht nur Gras und Steine: Die indische Küche beweist seit vielen Jahrhunderten, wie vielfältig und reichhaltig vegetarische Küche sein kann. Wir verlosen heute fünfmal fünf Packungen Ve­gan­es Curry und jeweils fünf Packungen unserer Sauce Indian Style. Ein Rezept mit beiden Produkten findet sich hier.

Vegetariertum im Hinduismus – Quellen in alten Texten zu Ahimsa, vedanta-yoga.de.

Steven Rosen: Die Erde bewirtet euch festlich. Vegetarismus und die Religionen der Welt. Aus dem Amerikanischen übertragen von Hank Troemel, Satteldorf 1992, S. 113.

Julia Schilly: Darum sind nicht alle Buddhisten Vegetarier, standard.at, 27.2.2013.

Steven Rosen: Die Erde bewirtet euch festlich. Vegetarismus und die Religionen der Welt. Aus dem Amerikanischen übertragen von Hank Troemel, Satteldorf 1992, S. 100.

Buddha: Die makellose Wahrheit erschauen. Die Lehre von der höchsten Bewusstheit und absoluten Erkenntnis. Das Lankavatara-Sutra. Aus dem Sanskrit übersetzt von Karl-Heinz Golzio, buddhismus-deutschland.de, S. 133.

Martina Hasse: Die chinesische Tempelküche. Vegetarische Originalrezepte aus berühmten buddhistischen Klöstern. Rezepte für ein langes Leben. Fotografiert von Jan-Peter Westermann. 2. Auflage, Aarau, München 2012, S. 11.

Hasso Spode: Der Kreuzzug der „Kohlrabi-Apostel“. Die Ursprünge des Vegetarismus, folio.nzz.ch, April 1997.

Ho Fu-Lung: Die vegetarische chinesische Küche, Aarau 1992, S. 9.

Doreen Fiedler: Wo Fleischesser „Nicht-Vegetarier“ genannt werden, welt.de, 30.9.2014.

Günther Stolzenberg: Tolstoi, Gandhi, Shaw und Schweitzer: Harmonie und Frieden mit der Natur, Göttingen 1992, S. 68f.

Margarete Blümel: Indien: Weniger hinduistische Vegetarier, deutschlandfunk.de, 25.8.2016.

Hindus protestierten erfolglos gegen Rindertalg in Pfundnoten, diepresse.com, 10.8.2017.

Sonia Phalnikar: Das Vogel-Krankenhaus von Delhi, dw.com, 1.3.2016.

Das erste Buch des Sūtrakṛtāṅga Sūtra. – Brianne Donaldson: Jainismus, in: Arianna Ferrari, Klaus Petrus (Hg.): Lexikon der Mensch-Tier-Beziehungen, Bielefeld 2015, S. 184-187, S. 186.

Mahabharata: Buch 13, Kapitel 115: Über das Nichtverletzen und den Fleischgenuss.

Helmuth von Glasenapp: Die fünf Weltreligionen. Hinduismus, Buddhismus, Chinesischer Universismus, Christentum, Islam, München 2001, S. 34.

„Angesichts der drohenden Deklassierung als geistliche Führer mussten die Brahmanen mithalten und übernahmen den Vegetarismus“ (Louis Dumont: Homo Hierarchicus: The Caste System and Its Implications, Chicago 1980, S. 194).

Reay Tannahill: Kulturgeschichte des Essens. Von der letzten Eiszeit bis heute. Aus dem Englischen übertragen von Joachim A. Frank, Wien 1973, S. 160f.

Das Opfer gehört zu den häufigsten religiösen Ausdrucksformen und gilt mitunter als die rituelle Handlung schlechthin. Bei Blut- oder Schlachtopfern werden die Opfer getötet, ein Teil wird für die jenseitigen Mächte verbrannt, das Opferfleisch wird gemeinsam verzehrt. Der Opferplatz, vor allem der Opfer-Altar, stellt die Verbindung zwischen der profanen und der sakralen Welt her; besonders im Feuer und im Rauch wird ein solcher Kontakt vorgestellt. „Die gemeinsame Mahlzeit bzw. das Opfer-Mahl (communio) oder das zwischen Göttern und Menschen im Opfer geteilte Fleisch sind sinnkräftige Symbolisierungen einer solchen Gemeinschaft“ (Axel Michaels: Opfer, in: Christoph Auffarth, Hans G. Kippenberg, Axel Michaels: Wörterbuch der Religionen, Suttgart 2006, S. 383).