20. Dezember
Radikale Ethik

Mitmachen und 5x Vegane La Rossa und Bratensauce gewinnen!

Bereits im frühen 20. Jahrhundert gab es in Deutschland Personen und Organisationen, die sich für Veganismus einsetzten – meist im Rahmen politischer und ethischer Be­stre­bung­en.

„Im Hinterhof einer Berliner Mietskaserne lebt in einer viel zu engen Wohnung, die in einem inneren Winkel der Hausmauern im Erdgeschoss liegt und nie von einem Sonnenstrahl erreicht wird, ein Schriftsteller. Für seinen Lebensunterhalt benötigt er nie mehr als die Hälfte des amtlich errechneten Existenzminimums eines 18jährigen Arbeiters, sein Wohn- und Ar­beits­zim­mer sieht eher nach einem Pack- und Vorratsraum aus, politische Flugblätter und Broschüren stapeln sich.“ – Die Rede ist hier von Magnus Schwantje, der im Jahr 1907 die „Gesellschaft zur Förderung des Tierschutzes und verwandter Bestrebungen“ gründete, eine Organisation, die sich später in „Bund für radikale Ethik“ umbenannte und in den besten Zeiten etwa 850 Mitglieder hatte. Sie war nach dem Vorbild der englischen Humanitarian League kon­zi­piert, und wie diese verband sie Vegetarismus und die Forderung nach Tierrechten mit ver­schieden­en politischen Aktionsfeldern, vor allem mit der Friedensbewegung. „Tierschutz und Friedensbewegung gehören zusammen; jeder Fortschritt einer der beiden Bewegungen fördert auch die andere; beide kämpfen gegen dieselben Übel: gegen Ungerechtigkeit, Mit­leidslosigkeit und Grausamkeit“, sagte Schwantje in einer seiner vielen Reden. Unermüdlich war er für seine Sache unterwegs, in mehr als 150 Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz hielt er mehrere hundert Vorträge, oft zum Thema Vegetarismus und Pazifismus, wie etwa beim Vegetarisch-sozialen Kongress auf dem Monte Verità 1916 in Ascona oder auf dem Internationalen Demokratischen Friedenskongress in Würzburg 1927.

„Schwantje repräsentiert den heute so ungemein seltenen Typus des ethisch-politisch be­mühten Menschen mit philosophischer Fundierung und Genauigkeit“, honorierte das Berliner Tageblatt noch 1927 seine Arbeit. Doch das änderte sich 1933 drastisch: Als Pazifist wurde er verhaftet und schaffte es nur mit einigem Glück, die Deportation nach Dachau noch ab­zu­wen­den. Er musste den Bund auflösen und in die Schweiz emigrieren, wo er aber weiterhin un­auf­hör­lich tätig war. Für Schwantje war es selbstverständlich, dass zu den Zielen des Ve­ge­ta­ris­mus die Abschaffung jeglicher Tierhaltung gehört, und er ging davon aus, dass jede Benutzung von Tierprodukten in der Zukunft als verwerflich angesehen werden würde. Mit solchen An­sicht­en war er nicht allein: „Die radikale Ethik des Vegetarismus“ lautete etwa der Titel eines Artikels, der 1931 in der Vegetarischen Warte veröffentlicht wurde und in dem auch auf die Organisation Schwantjes eingegangen wurde. Der Autor Bruno Wolff, Vorsitzender des Ve­ge­ta­ri­er-Bundes, warb darin für Veganismus, den er „Hochvegetarismus“ nannte. Wolff wusste von einem „jahrelang durchgeführten Leben ohne jegliche tierische Stoffe“ zu berichten. Man kann also annehmen, dass sich in Deutschland schon viel früher eine vegane Bewegung heraus­ge­bil­det hätte, hätte das „Dritte Reich“ der vegetarischen Bewegung nicht ein Ende gemacht. Der 1892 gegründete Vegetarier-Bund, der aus dem 1867 gegründeten ersten deutschen ve­ge­ta­risch­en Verein hervorgegangen war, löste sich 1935 auf. Zu dieser Zeit, so Florentine Fritzen in ihrem Buch über Veganismus, „war der organisierte Vegetarismus, ob nun in Form eines ve­ga­nen Hochvegetarismus oder in gemilderter Form, in Deutschland faktisch schon tot“.

Das stimmt allerdings nicht ganz: Eine vegetarische Organisation mit etwa 300 Mitgliedern, in der Magnus Schwantje ebenfalls Mitglied war, machte im Verborgenen und im Rahmen des anti­faschistischen Widerstands weiter. In einem Buch zum Thema wird berichtet: „Frankfurt, 20. Mai 1935: Adolf Hitler weiht feierlich den ersten Teilabschnitt der Reichsautobahn ein. Gut sicht­bar sind in der Nacht zuvor überall auf den Fahrbahnen antifaschistische Parolen an­ge­bracht worden – der Propagandafilm zum Einweihungsakt muss deshalb später an zahlreichen Stel­len gekürzt werden –, au­ßer­dem wurden durch die Beschädigung von Kabeln Lautsprecher außer Betrieb gesetzt. Es handelt sich um eine Widerstandsaktion der Frankfurter Gruppe des In­ter­na­ti­o­na­len Sozialisten Kampfbunds (ISK). Seit seinem Verbot 1933 arbeitet der ISK im Un­ter­grund, begeht Sabotageakte, schleust politische Flüchtlinge aus, druckt und verbreitet il­legal Flugblätter. Zur Tarnung und zur Finanzierung des Bundes dient ein Netz ve­ge­ta­risch­er Gaststätten in Köln, Berlin, Hamburg, Frankfurt am Main und Bochum – denn die Mit­glied­er des ISK leben alle vegetarisch.“ Der vom Göttinger Philosophen Leonard Nelson und sei­ner Mit­ar­bei­ter­in Minna Specht 1925 gegründete ISK war als Absplitterung der SPD entstanden; eine Vorläuferorganisation, die noch „Ju­gend­bund“ hieß, hatten sie, mit Unterstützung durch Albert Einstein, schon 1917 gegründet.

„Es ist der untrüglichste Maßstab für die Rechtlichkeit des Geistes einer Gesellschaft, wie weit sie die Rechte der Tiere anerkennt“, schrieb Nelson 1924. In der Tageszeitung Der Funke, die der Bund ab Anfang 1932 herausgab, waren Tierrechte und Vegetarismus Gegenstand zahl­reicher Artikel. Sie erschien unter Willi Eichler, der nach dem Tod von Nelson 1927 die Leitung des Bundes übernommen hatte. Eichler und andere ehemalige Mitglieder wurden nach dem Krieg wieder in der SPD aktiv. Vegetarische Forderungen konnten sie dort aber offenbar nicht durchsetzen. Heute besteht neben parteipolitisch nicht festgelegten linken Tierrechts- und Tier­­be­frei­ungsgrup­pen mit „Sozis für Tiere“ wieder eine Strömung in der sozialdemokratischen Par­tei, die sich für Veganismus und Tierrechte einsetzt.


Gemüseheilige.jpgLieber rot als tot: Wir verlosen heute dreimal fünf Packungen unserer Veganen La Rossa, der roten Wheaty-Bratwurst mit der leichten Rauch­note. Mit ihr lassen sich auch festliche Gerichte zaubern, wie etwa Salat Olivier. Dazu gibt's braune Soße: Unsere Vegane Bratensauce für die deutsche Küche. Die Gewinner erhalten außerdem jeweils ein Exemplar des im letzten Jahr erschienenen Buches Gemüseheilige – eine Geschichte des veganen Lebens von Florentine Fritzen.

Matthias Rude: Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken, Stuttgart 2013, S. 100f.

Kurzer Lebenslauf Magnus Schwantjes, in: Magnus-Schwantje-Archiv (Hg.): Magnus Schwantje. Gesammelte Werke, Band 1: Vegetarismus. Schriften und Notizen zur ethischen Begründung der vegetarischen Lehre, München 1976, S. 20-23, S. 16.

Florentine Fritzen: Gemüseheilige. Eine Geschichte des veganen Lebens, Stuttgart 2016, S. 86. – Interessant ist eine Werbeanzeige für Eden-Produkte, die in ihrem Buch auf S. 89 abgedruckt ist; darin heißt es: „Wir brauchen kein Tierfleisch, kein Tierfett zu unserer Ernährung. Wir sind froh, leistungsfähig und freuen uns stets auf das Essen, denn wir haben eine edlere, gesündere Nahrung: reine pflanzliche Kost. Dabei brauchen wir aber nichts zu entbehren, die Eden-Pflanzenbutter (Edelmargarine mit Vitamingehalt), Edener Pflanzenfleisch, Edener pflanzliche Wurst bieten unserem Körper nicht nur die nötigen Aufbau-, Energiestoffe und Wärmeeinheiten, sondern auch die Geschmacksnerven werden vollkommen befriedigt. In den Reformhäusern zu haben!“

Leonard Nelson: System der Philosopischen Rechtslehre und Politik (Sämtliche Werke Band 6), Frankfurt am Main 1964, S. 289.

Magnus Schwantje: Radikaler Tierschutz und Kriegsbekämpfung. Eine Rede in der vom Internationalen Tierschutz-Kongreß in Wien veranstalteten öffentlichen Versammlung am 13. Mai 1929, Berlin 1929, S. 2.

Magnus Schwantje: Tiermord und Menschenmord: Vegetarismus und Pazifismus. Nach einer auf dem Vegetarisch-sozialen Kongreß in Ascona, am 19. April 1916, vorgetragenen Rede, Berlin 1919.

Magnus Schwantje: Tierschlachtung und Krieg. Ein am 7. September 1927 auf dem VII. Internationalen Demokratischen Friedens-Kongreß in Würzburg gehaltener Vortrag, Berlin 1928. – Weitere Reden und Schriften sind auf der Seite des Magnus-Schwantje-Archivs einsehbar.

Matthias Rude: Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken, Stuttgart 2013, S. 120.

Ein Beispiel dafür ist das „Bündnis Marxismus und Tierbefreiung“.

Digitalisierte Ausgaben sind auf der Website der Friedrich-Ebert-Stiftung einzusehen; ein paar Beispiele für Artikel mit Bezug zu Vegetarismus und Tierrechten haben wir auf unserer Facebook-Seite zusammengestellt.

Ein ausführlicher Artikel zum Thema findet sich auch online: Renate Brucker: Tierrechte und Friedensbewegung. „Radikale Ethik“ und gesellschaftlicher Fortschritt in der deutschen Geschichte. Der Artikel findet sich abgedruckt in: Dorothee Brantz, Christof Mauch (Hg.): Tierische Geschichte. Die Beziehung von Mensch und Tier in der Kultur der Moderne, Paderborn 2010, S. 268–285.