22. Dezember:
Gemüseheilige

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Nach den Hungerwintern im Zweiten Weltkrieg kam bei den Deutschen in den 50er-Jahren so viel Fleisch auf den Tisch wie nie zuvor – dennoch gab es auch in der frühen Bun­des­re­publik bereits Veganer.

„Die Deutschen waren zurückgefallen in ein Volk der Jäger und Sammler, sie überlebten als Hams­ter­er und Schieber. Das Denken und Handeln kreiste um die Bedürfnisse eines knur­ren­den Magens. Mit Beginn des wirtschaftlichen Aufschwunges überschwappte Deutschland eine ‚Fress­welle‘. Fett und reichlich mussten die Portionen sein, viel Fleisch wurde zum Maßstab“, heißt es in einem Buch über die Kulturgeschichte des Essens in der Bundesrepublik aus den 80er-Jahren über den Übergang von der Nachkriegszeit zu den Jahren des „Wirt­schafts­wun­ders“. Das klingt nicht gerade so, als ob sich zu dieser Zeit jemand groß Gedanken um den Ve­ge­ta­rismus gemacht hätte. Zudem waren die deutschen Vegetarier-Organisationen im „Drit­ten Reich“ auf­gelöst worden – „die auch auf internationaler Ebene organisierten Vegetarier stan­den bei den Nationalsozialisten im Verdacht, bolschewistisch, zumindest aber pazifistisch an­ge­haucht zu sein“, schreibt Florentine Fritzen in ihrem Buch Gemüseheilige dazu.

Doch schon am 29. Mai 1946 entstand in Sontra die „Vegetarier-Union Deutschland“. In der Gar­ten­bau­siedlung bei Kassel trafen sich Vegetarier mit dem Ziel, „die völkerrechtliche Kraft des vegetarischen Gedankens neu aufleben zu lassen“ und „die Vegetarier in Deutschland nun zu sammeln“. Weitere Vereinsgründungen folgten. Und nicht nur das: Es gab in der frü­hen Bun­des­re­pu­blik auch bereits einen kleinen Kreis von Menschen, die vegan lebten. Einige von ih­nen organisierten sich in den 50er-Jahren in einer Arbeitsgemeinschaft, die sich „Rat der Deut­schen Vegetarier Bewegung“ nannte. Dieses Gremium gründete sich an­ge­sichts des Ein­tritts der Bun­des­re­publik Deutschland in die NATO und der Bildung der Bundeswehr und er­ar­bei­­te­­te einen „Vegetarier-Ausweis für Kriegsdienstverweigerer“. Eines der wichtigsten Er­geb­nis­se der Arbeit des Vegetarier-Rates ist die Erarbeitung und Verabschiedung der sogenannten Rehburger Formel, die in Bad Rehburg im November 1963 verabschiedet wurde und die Frage „Was ist Vegetarismus?“ erstmals in einer möglichst umfassenden, allgemeingültigen Form be­ant­wort­en sollte: Er sei „die Lehre, dass der Mensch aus ethischen und bi­o­lo­gisch­en Gründen aus­schließ­lich zum Pflanzenesser bestimmt ist. Sein stärkstes Motiv ist die Über­zeu­gung, dass mög­lichst kein Tier für die menschliche Existenz getötet oder geschädigt wer­­den soll“.

In dieser Gruppe war auch jemand aktiv, der sich besonders engagiert für den Veganismus ein­setzte: Carl Anders Skriver, ein evangelischer Pastor, der im Fach Indologie pro­mo­viert wurde. Mit 17 Jahren war er durch die Lektüre der Schriften Buddhas vegetarisch geworden. Den Ve­ga­nis­mus, den er ab 1948 proklamierte, verstand er vor allem pazifistisch. Im Jahr 1952 grün­de­te er auf einem Jugendtreffen eine Organisation, die Florentine Fritzen als „vegane Or­dens­ge­mein­schaft“ beschreibt: Die bis heute bestehende „Gesellschaft für nazoräisches Ur­chris­ten­tum“, ein überkonfessioneller Arbeits- und Freundeskreis, der das Urchristentum erforschen und ein fortschrittliches Christentum der Zukunft gestalten will. Denn Skriver war der Über­zeu­gung: „Die Bekehrung und das Bekenntnis zum Vegetarismus gab es schon vor zweitausend Jahren und zwar in den ersten Christengemeinden.“ Den Kirchen warf er „Verrat an den Tieren“ vor und sparte dabei nicht mit Kritik: Sie würden „die riesengroße und entsetzliche Not der Tier­­welt“ ignorieren und „sich den brutalen Ausbeutungsmethoden“ anpassen, schrieb er etwa – man habe sogar „das Recht und die Pflicht, die Menschheit, die Kirche und notfalls auch den Gott dieser Welt anzugreifen, die für den Missbrauch und den Jammer der Tiere verantwortlich sind“ und müsse nun „eine Tierethik entwickeln und ein Tierrecht proklamieren“.

Vegetarismus sei eine „Übergangskost für Anfänger“, meinte Skriver, predigte „Abstinenz und Um­kehr“ und plädierte mit drastischen Worten für den Ve­ga­nis­mus – sein heute noch be­kann­tes­ter Satz ist wohl, dass „an der weißen Milch rotes Blut klebt“. Einige seiner Überlegungen wa­ren durchaus zukunftsweisend, er dachte global – man wisse, dass man sich angesichts der wach­send­en Weltbevölkerung „den Luxus vergrößerter Weideflächen bei entsprechender Ver­rin­ge­rung der Getreideflächen nicht mehr erlauben kann“, meinte er beispielsweise –, mit dem spät­e­r­en „Veganismus einer ra­di­ka­len Jugend“ hatte das, wie Florentine Fritzen über Skrivers Na­zo­rä­er anmerkt, aber wenig gemein: „Der Hauch des Al­ter­­na­tiv­­en, der spä­t­er kenn­zeich­­nend für manche vegetarisch-vegan-pazifistischen Kreise wur­de, um­weh­te sie nicht“ – ob­wohl sie sich selbst auch als Lebensreformer bezeichneten.

Ge­nau­so­ we­nig natürlich ist ih­re Lebensweise mit dem neuen „Lifestyle-Veganismus“ zu ver­gleich­en, der erst im letzten Jahr­zehnt aufkam. Immerhin heißt es in der Broschüre Vegan-Er­nähr­ung, die Skrivers spätere Ehe­frau Käthe Schüder im Jahr 1962 veröffentlicht hat: „Ein As­ket ist auch der konsequente Ve­ge­ta­ri­er noch lange nicht. Er ist weder ein Kostverächter noch ein Leibkasteier.“ Diese Schrift war wohl übrigens das erste deutschsprachige vegane Koch­buch. Es sollte allerdings noch dauern, bis man in der Bun­des­re­pu­blik wirk­lich von der Ent­ste­hung einer veganen Szene sprechen konnte. Zwar gab es seit 1957 im Westen wieder pflanz­liche Wurst und Brotaufstrich – wie fremd­ar­tig den Deutschen der Ve­ga­nis­mus aber noch rund 30 Jahre später vor­kam, sieht man an der Be­grün­dung, mit welcher das Amtsgericht Frank­furt im Jahr 1991 ei­nen Antrag von Marlies Kullmann ab­lehn­te; sie wollte die „Deutsche Vegan-Or­ga­ni­sa­ti­on“ als Ver­ein eintragen lassen, der Grund der Ablehnung lautete, „aus­länd­ische Fan­ta­sie­na­men“ seien nicht erlaubt. Sie hat 1994 mit dem Vegan-Shop Frankfurt den ers­ten ve­gan­en Laden in Deutschland und wahrscheinlich einen der ersten weltweit eröffnet. „Vor zehn Jah­ren strich Marlies Kullmann, engagierte Tierschützerin und als Sekretärin voll im Le­ben ste­hend, alles vom Speiseplan, was auch nur annähernd mit Tieren zu tun hat“, heißt es in einem Ar­ti­kel aus der Frankfurter Rundschau von 1999, und: „Das war zu jener Zeit – als in Deutsch­­land noch kaum jemand von veganer Kost gehört hatte – gar nicht einfach. ‚Da­mals be­deut­e­te das wirklich Verzicht.‘“


Veganismus ist schon lange nicht mehr gleichzusetzen mit Verzicht: Vegan geht auch ganz zünftig, etwa mit unseren Veganen Weißen. Wie bayrische Weißwürste werden sie im Was­ser­­bad in der Pelle erhitzt: Zeitgemäße ökologische Traditionswürstchen. Wir verlosen heute fünf­mal fünf Packungen davon.

Wolfgang Protzner: Vom Hungerwinter zum kulinarischen Schlaraffenland. Aspekte einer Kulturgeschichte des Essens in der Bundesrepublik Deutschland (Beiträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Band 35), Wiesbaden 1987, S. 8.

Florentine Fritzen: Gemüseheilige. Eine Geschichte des veganen Lebens, Stuttgart 2016, S. 94.

Florentine Fritzen: Gemüseheilige. Eine Geschichte des veganen Lebens, Stuttgart 2016, S. 116.

Carl Anders Skriver: Die Lebensweise Jesu und der ersten Christen, Lübeck-Travermünde 1973, S. 12.

Carl Anders Skriver: Der Verrat der Kirchen an den Tieren, München 1967, S. 19, S. 29, S. 32.

Carl Anders Skriver: Die Regel der Nazoräer im zwanzigsten Jahrhundert, Berlin-Dahlem 1960, S. 430, S. 39. – Eine Rezension des Buches aus der Zeit vom 20. April 1962 mit dem Titel „Aufrüttler und Außenseiter: Ein Christ, der seinen Eigenheiten zum Trotz ernst genommen werden sollte“ findet sich auf zeit.de.

Florentine Fritzen: Gemüseheilige. Eine Geschichte des veganen Lebens, Stuttgart 2016, S. 119.

Käthe Schüder: Vegan-Ernährung, Bad Homburg 1962, S. 19. – Die ersten Veganer der Bundesrepublik bezeichneten sich noch als „Vegan“, im Plural „Vegans“, wie im Englischen.

Judith Baumgartner: Die Vegetarische Bewegung seit 1945. Neuanfang, Persönlichkeiten, Vereinsentwicklung, ivu.org.

Carl Anders Skriver: Statt Diskussion – ein Briefwechsel, in: Der Verrat der Kirchen an den Tieren, München 1967, S. 144-158, S. 156.

Christian Köder: Veganismus, Ellwangen 2014, S. 13.

Dort wird auch berichtet: „Die Idee zu dieser Art der Lebensgestaltung kannte Kullmann aus der Tierschützerszene und aus England, wo es seit 50 Jahren eine Vegan-Bewegung gibt. ‚Die haben sogar Vegan-Hotels und Restaurants.‘ Wohingegen sie 1991 beim Amtsgericht Frankfurt kläglich scheiterte, als sie die Deutsche Vegan-Organisation als Verein eintragen lassen wollte. Ausländische Phantasienamen seien nicht erlaubt, hieß es“ (Christian Koeder: Vegan-Shop Frankfurt, christiankoeder.com, 13.10.2012).

„Der Legende nach wurde Pastor Skriver in der Nazizeit verhaftet und verhört und bei einem dieser Verhöre soll er gefragt worden sein, warum er das Fleisch seiner Ration nicht esse. Skriver erklärte, er sei Vegetarier, worauf der Nationalsozialist erwiderte, dass er dann, wenn er es genau nehmen würde, auch keine Milch, Eier und keinen Käse zu sich nehmen dürfe. Dieses Verhör soll Skriver zum Nachdenken und später zum Veganismus gebracht haben“ (Christian Köder: Veganismus, Ellwangen 2014, S. 11). – „Eine, die ihn kannte, erzählt, er sei rebellisch gewesen. Habe sich nicht den Mund verbieten lassen, auch nicht von den Nazis. Die hätten ihn ins Gefängnis gesperrt, weil er sich geweigert habe, Fleisch zu essen, und dann habe ein Nazi gesagt: Das ist nicht konsequent, dann dürfen Sie auch keine Milch und keine Eier essen. Darauf Skriver: ‚Ja, da haben Sie recht.‘ Und das habe Skriver dann nach dem Krieg auch verwirklicht“ (Florentine Fritzen: Gemüseheilige. Eine Geschichte des veganen Lebens, Stuttgart 2016, S. 116).

Florentine Fritzen stellt eine „Stille um den Veganismus im ‚Dritten Reich‘“ fest. Was den Vegetarismus angeht, wird immer wieder behauptet, Hitler sei Vegetarier gewesen; dabei handelt es sich aber um einen Teil eines „Asketen-Mythems“, das um die Gestalt des „Führers“ herum gesponnen wurde, er aß etwa „Leberknödel, bayerische Würste und Täubchen“. Andere Autoren schreiben Dinge wie: „Überhaupt hatten die meisten Nazi-Größen große Sympathie für Biokost und Vegetarismus.“ Das Buch, aus dem dieses Zitat stammt, diskreditiert sich durch seine Polemik aber selbst, mit Sätzen wie: „Ist es wirklich Zufall, dass der Hass der Veganer auf Fleischesser und die stets betonte Tierliebe nach dem gleichen Muster gestrickt sind wie die Tierliebe und der Judenhass der Nazis? Eines bedingt offenbar das andere“ (Udo Pollmer, Georg Keckl, Klaus Alfs: Don't Go Veggie! 75 Fakten zum vegetarischen Wahn. 2, Auflage, Stuttgart 2015, S. 178). Es ist eine „Kampfschrift“, die „nicht aufklärerisch, sondern manipulativ“ ist (Humanistischer Pressedienst): „Jede sinnvolle Argumentation geht in einem despektierlichen Tenor unter, der manchmal weit unter die Gürtellinie zielt. […] So beschäftigen sich die Autoren mehrfach mit der Ideologie des Nationalsozialismus und deuten an, der heutige Veganismus überschneide sich in Teilen mit ihr“ (Spektrum der Wissenschaft). Gerade viele Behauptungen des Lebensmittelchemikers Udo Pollmer stehen dem Stand der Forschung diametral entgegen und sind nicht ernst zu nehmen.

Susanne Mack: Fleischlos glücklich. 100 Jahre vegetarische Lebensweise, deutschlandfunkkultur.de, 6.8.2008.

Ekkehard Hieronimus: Lebensreform- und Emanzipationsbewegung (Das „Alternative“), in: Carl Friedrich von Siemens Stiftung (Hg.): Kursbuch der Weltanschauungen, Frankfurt am Main 1981, S. 350-399, S. 384.

Zum „Lifestyle-Veganismus“: Carsten Holm: Ernährung: Die Besser-Essis, Der Spiegel 11/2013, S. 46-48.

„Seit 1957 gibt es in Westdeutschland wieder pflanzliche Wurst und Brotaufstrich, als erstes von Tartex“, so Martin Balluch mit Bezugnahme auf Fritzen. Auf wer-zu-wem.de heißt es, dass Tartex schon ab 1948 auch nach Deutschland exportiert wurde. In einem Artikel auf der Website eines Arnsberger Reformhauses wird berichtet: „Claude Blancpain und Dr. Erwin Haag entwickelten bereits in den 1940er-Jahren den ersten rein pflanzlichen Brotaufstrich, den sie dann ab 1946 mit der Bezeichnung Tartex auf den Markt brachten. [...] In den 1960er-Jahren zog die Firma von Fribourg in der Schweiz nach Freiburg im Breisgau, um dort pflanzliche Pasteten für den deutschen Markt zu produzieren und offiziell die Tartex GmbH zu gründen. Ab 1968 wurden die Tartex-Pasteten, in immer mehr Varianten erhältlich, exklusiv über die Reformhäuser vertrieben. Fortan durften die Tartex-Dosen das Neuform-Siegel tragen, das Qualitätszeichen der Reformhäuser. Wertschonende Verarbeitung und die Verwendung natürlicher Rohstoffe konnten so kommuniziert werden, lange vor Einführung von Bio-Zeichen und Öko-Verordnung. Und lange vor Veggie-Boom und veganen Kochshows demonstrierte das Neuform-Zeichen einen Gründungsgedanken der Reformbewegung in Einklang mit einem Initialgedanken von Tartex: den Verzicht auf Produkte vom toten Tier.“ 1971 kaufte Nestlé das Unternehmen, fusionierte es mit Dr. Ritter und trennte sich dann 1997 wieder von den Freiburgern, die 2001 von der Corposan Holding an Wessanen weitergereicht wurden.

Ein weiteres wichtiges Mitglied des Vegetarier-Rates war Karl Albrecht Höppl aus Nürnberg. Der Veganer schrieb 1975 und 1978 zwei Aufsätze für die Zeitschrift „Der Vegetarier“, die, so Fritzen, „einen Sinneswandel innerhalb der Vegetarierschaft einleiteten. Von da an galt der Veganismus vielen Vegetariern nicht mehr als Übertreibung oder Spleen einiger Sonderlinge, sondern als ein Ziel, nach dem möglichst jeder streben sollte, als höchste Stufe des Vegetarismus“ (Florentine Fritzen: Gemüseheilige. Eine Geschichte des veganen Lebens, Stuttgart 2016, S. 132). Auf Höppl ist es zurückzuführen, dass sich in den 1970er-Jahren eine vegane Gruppe innerhalb des Vegetarier-Bundes herausbildete.

Die ersten pflanzlichen Alternativprodukte waren bereits Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts im Zuge der Lebensreformbewegung aufgekommen.