23. Dezember:
Punk-Philosophie

Mitmachen und 5x alle Spacebars gewinnen!

Die heutige Tierrechtsbewegung und die sich im deutschsprachigen Raum seit den 1990er-Jahren formierende vegane Szene haben ihren Ursprung in den bunten Protestbewegungen der 60er-Jahre und in der musikalischen und politischen Subkultur der 70er und 80er.

Es ist ein düsterer, kalter Abend im November. Nur das große „M“ leuchtet gelb. Penny Rim­baud drückt seine Nase gegen die Scheibe der Fast-Food-Filiale; dort sitzen sie, gei­ster­haft weiß im fluoreszierenden Licht: „Sie kauen auf dem toten Fleisch herum, kosmetisch weiße Zäh­ne graben sich in den gehackten Brei, Ketchup und das teigige Brötchen. Ein Kind schält sich aus Angst vor dem Clown von seiner Kleinfamilie weg, spürt vielleicht die Tragödie, die sich hinter dieser Scharade der Jovialität verbirgt; das Schlachthaus und die abgeholzten Re­gen­wälder.“ – Diese Szene stammt aus der 1999 veröffentlichten Autobiografie des Drummers von Crass, einer der ein­­fluss­­reichs­ten Bands der Punk- und Hardcorebewegung. Die Mitglieder der 1977 ge­grün­de­ten Band waren nicht nur politisch aktiv, etwa in der Anti-Atom-Bewegung, son­­­dern auch Ve­ge­ta­ri­er, und von Anfang an machten sie sich für Tierrechte stark. „Smash the Big Mac“ sangen sie etwa, oder „What right is yours that others lives are yours to smash and kill and bind?“ Zu ihren Auftritten schleppten sie stets Kisten, die bis oben voll­ge­stopft waren mit selbst­gedruckten Fly­ern, auf denen sie ihre Ideen und Überzeugungen erklärten.

„Häufig wird behauptet, die moderne Tierrechtsbewegung habe sich in den 1970er-Jahren aus dem philosophischen Nachdenken über den moralischen Status der Tiere entwickelt“, heißt es in einem Buch zum Thema, und weiter: „Dass sich die Tierrechtsbewegung zu jener Zeit for­mier­en konnte, hatte aber einen anderen Grund: die Protestbewegungen der 1960er-Jahre.“ Dies berichtet auch Mieke Roscher in ihrem Werk über die britische Tierrechtsbewegung: Die Anti-Atom- und die Friedensbewegung hätten als Bindeglieder zwischen den sich über­lap­pen­den Strömungen der Tierrechts- und Alternativbewegung fungiert. So nahm zum Beispiel das seit 1936 erscheinende Magazin Peace News die Themen Vegetarismus und Tierschutz als fes­ten Be­stand­teil in seine Berichterstattung auf. Gleichzeitig popularisierte die von der Ju­gend­re­­vol­­te dieser Zeit getragene „counter culture“ den Vegetarismus wieder. „Die Ge­gen­kul­tu­ren der 1960er-Jahre verstanden den Vegetarismus als Teil einer anti­mili­ta­ris­tisch­en Alternative. Man könne nur glaubwürdig gegen kriegerisches Morden ar­gu­men­tier­en, wenn man sich selbst von mör­derisch­em Ver­halt­en ge­gen­über dem un­schuldig­en Tier prak­tisch dis­tan­ziere, so die Dar­­le­gung. Ve­ge­ta­ris­mus war also zum Be­stand­teil des kulturellen Wandels avan­ciert, der mit po­litischen und sozialen Ver­änderungen ein­her­ging“, schreibt Roscher.

Gerade in den musikalischen Subkulturen verbreiteten sich solche Einstellungen: „Ve­ge­­ta­ris­mus und Tierrechte sind zu Heftklammern der politischen Theorie en­ga­giert­er Punks ge­wor­den“, schreibt Craig O’Hara in seinem erstmals 1992 erschienenen Stan­dard­werk „The Phi­lo­so­phy of Punk“. Selbst Szenegänger, die das Konzept der Tierrechte nicht un­ter­stützt­en, hätten ih­re Essgewohnheiten aus Gründen des Umweltschutzes umgestellt: „Die verschwenderische und rapide Zerstörung der Land- und Wasserressourcen durch die Tier­hal­tung kann einfach nicht übersehen werden. Andere sind schlicht aus ge­sund­heit­lich­en Grün­­den dazu über­ge­gan­gen, kein Fleisch mehr zu essen, vor allem Straight-Edge-Punks. Tipps, wie man Ve­ge­ta­rier wird, sind in zahl­losen Fan­zines erschienen.“ Auch in den Songs spie­­gelt sich diese Ent­wick­lung wider. So findet sich bei­spiels­weise auf der Platte „It's Time to See Who's Who“ der Band Con­­flict, die im März 1983 auf dem Label von Crass erschien, ein Stück namens „Meat Means Mur­der“. Im Februar 1985 schaffte es dieser noch heute in der Tier­­rechts­­be­we­gung ver­breitete Slo­gan auch in den Main­stream: „Meat Is Murder“ lautet der Ti­tel des zweiten Studio­albums der Alternative-Rock-Band The Smiths. Es hielt sich 13 Wo­ch­en auf dem ersten Platz der bri­ti­schen Charts.

„Bevor über das Internet Dokus über das alltägliche, unfassbare Leid von Tieren in Mast- und Schlacht­be­trieben für alle zugänglich wurden, war die Punkszene eine wichtige Plattform“, er­in­n­ert sich auch Markus Meißner, Frontmann der 1995 gegründeten deutschen Band Kafkas. In die Bundesrepublik schwappte die zweite Tierrechtsbewegung im Laufe der 1980er-Jahre über. Die ersten Aktivisten hierzulande bezeichneten sich als „autonome Tierschützer“. 1987 wurde die Tierrechts Aktion Nord (TAN) gegründet, An­fang der 90er-Jahre die ebenfalls im al­ter­na­ti­ven Milieu angesiedelte „Ve­ga­ne Offen­si­ve Ruhr­­ge­­biet“ (VOR), die es sich zur Aufgabe machte, den Veganismus bekannter zu machen, was ihr auch gelang – so brachte etwa das WDR-Fern­se­hen unter dem Titel „Ra­di­kal Fleisch­los“ eine Re­portage über die sich im deutschspra­chigen Raum bildende vegane Szene. Die VOR gab „den eigentlichen Startschuss für die junge Be­we­gung“, wie es im 2013 erschienenen Buch Anti­spe­zi­es­is­mus heißt: Im gan­zen Bun­des­ge­biet wurden neue Gruppen gegründet. Ähnlich wie bereits ihre historischen Vorläufer, war auch die neue Tierrechtsbewegung mit vielen anderen sozialen Strömungen verknüpft. Die Bewegung der Hausbesetzer sei etwa, so Mieke Roscher, für die Tierrechtsbewegung von Relevanz ge­we­sen: Forderungen nach Wohnraum wur­­den mit einer Lebenskultur verbunden, die die Schaffung von „veganen In­fra­struk­tu­ren“ in For­men von Bio- und Naturkostläden und Food-Coops ein­for­der­te und ent­wick­el­te – man fühlt sich an die Lebensreform-Bewegung und den Aufbau von Re­­­for­m­­häu­­sern 100 Jah­re zuvor er­in­nert. Zwischen den Angehörigen der beiden jungen Al­ter­na­tiv­be­we­gung­en scheint es allerdings noch einige Vorbehalte gegen die jeweils anderen ge­ge­ben zu haben. So heißt es beispielsweise 1998 in einem veganen Magazin: „Zuwachs er­hält die tier­freie Küche neu­er­dings von Gutmenschen aus der Naturkostszene, von ge­sund­heits­be­wus­sten Klangschalenesos und allerhand Spinnern mit bizarren Weltbildern (siehe LeserInnenbriefe in der ‚Schrot & Korn‘).“ Es sollte noch einige Jahre dauern, bis der Ve­ga­nis­mus in der „Mit­­te der Ge­­­sell­­­­schaft“ an­kommen würde – aber die Sache war ins Rol­len ge­bracht und nicht mehr auf­­zu­­­hal­­t­en.


Antispeziesismus.jpgWir haben schon 1993 damit begonnen, Seitan-Produkte herzustellen und be­kannt zu machen. Was der sich in diesem Zeitraum bildenden ve­gan­en Sze­ne fehlte, war ein deftiger Snackriegel für unterwegs. Kein Wunder also, dass unsere Space­bars schnell zum „Szene­produkt“ wurden. Wir ver­los­en heu­te fünf große Pa­kete voller Spacebars: Spacebar Hanf, Chorizo, Kür-Biss und RHCP. In jedes Paket packen wir außerdem ein Exemplar des Buches Antispeziesismus von Matthias Rude.

 
 
 

Penny Rimbaud: Shibboleth. My Revolting Life. Crass: Punk als Widerstand. Aus dem Englischen von Lisa Shoemaker. 2. Auflage, Mainz 2007, S. 17.

Klaus Petrus: Tierrechtsbewegung. Geschichte – Theorie – Aktivismus, Münster 2013, S. 15.

Mieke Roscher: Ein Königreich für Tiere. Die Geschichte der britischen Tierrechtsbewegung, Marburg 2009, S. 260.

Craig O’Hara: The Philosophy of Punk. Die Geschichte einer Kulturrevolte. Aus dem Amerikanischen von Edward Viesel unter Mitarbeit von Viola Nordsieck. 5. Auflage der Übersetzung, Mainz 2008, S. 137, S. 133.

Matthias Rude: Im Punk geht es um Freiheit – für Menschen und Tiere“. Tierbefreiung in Punk und Hardcore, Melodie & Rhythmus 2/2015.

Eine erste Tierrechtsbewegung gab es bereits im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, sowohl im englisch-, als auch im deutschsprachigen Raum. Veganer gab es auch schon in der frühen Bundesrepublik, die moderne vegane Bewegung wurde aber ebenfalls von England aus initiiert.

Matthias Rude: Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken, Stuttgart 2013, S. 165.

Mieke Roscher: Ein Königreich für Tiere. Die Geschichte der britischen Tierrechtsbewegung, Marburg 2009, S. 260.

Die Reportage ist etwa auf dem Youtube-Kanal von Tierbefreiung Hamburg einsehbar.

Ihre Aktionen sorgten damals für Schlagzeilen. So brachte etwa Der Spiegel in den Jahren 1983 bis 1998 mehrere Artikel zum Thema. „In der Öffentlichkeit werden ihre Aktionen eher positiv aufgenommen: Als im April 1984 Tiere aus Laboren der Universität Heidelberg befreit werden, sorgt das für großes Medienecho. Kampf gegen Tierversuche: Jedes Jahr sterben bei uns 7 Millionen Tiere im Labor – die Gegner machen mobil, ist auf der Titelseite des Wochenmagazins stern zu lesen, die taz titelt 1985: Terroristen, für die die Herzen schlagen [...]. Bei Reportern von stern und Quick, welche die Übergabe geretteter Tiere fotografieren und beschreiben, werden Hausdurchsuchungen in den Privatwohnungen vorgenommen, die Schreibtische in den Redaktionen werden durchwühlt, Tierheime im Münchner Bereich Razzien unterzogen“ (Matthias Rude: Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken, Stuttgart 2013, S. 160). Eine ausführliche Chronik der Aktionen des autonomen Tierschutzes in Deutschland bis zum Jahr 1997 findet sich bei Edmund Haferbeck, Frank Wieding: Operation Tierbefreiung. Ein Plädoyer für radikale Tierrechtsaktionen, Göttingen 1998, S. 245ff. Viele digitalisierte Dokumente aus dieser Zeit finden sich im Animal Liberation Archive.

Die offizielle Webpräsenz findet sich noch im Internet-Archiv. Einige Alben kann man sich auch bei Bandcamp anhören. Eine Website, die sich ganz der Geschichte von Crass widmet, ist crassahistory.com. Bücher von und über Crass sind auf theartofcrass.uk abgebildet; von The Story of Crass (2006) von George Berger ist 2008 unter dem Titel Subversive Zeiten: Die Crass Story auch eine deutsche Übersetzung erschienen.

Crass: „Smash the Mac“ (1984).

Crass: „Don’t tell me you care“ (1982).

Wie diese aussahen, davon bekommt man auf crassahistory.wordpress.com einen Eindruck.

Maßgebend für die philosophische Debatte über Tierethik sind Autoren wie Tom Regan, Gary Francione, Martha Nussbaum, Cora Diamond, Christine Korsgaard oder Will Kymlicka. Grundlagentexte finden sich in einem 2014 bei Suhrkamp erschienenen Sammelband zum Thema; die Herausgeberin Friederike Schmitz hat kürzlich auch eine Einführung mit dem Titel Tierethik – kurz und verständlich veröffentlicht. Eine kurzweilige Übersicht bietet auch der im Oktober erschienene Tierethik-Comic, den wir am 6. Dezember verlost haben.

Conflict: „Meat Means Murder“ (1983).

The Smiths: „Meat Is Murder“ (1985).

„Radikal wenden sich die sogenannten Veganer, extreme Vegetarier, nicht nur gegen Fleischliches, sondern gegen alle tierischen Produkte“, wusste Der Spiegel 1993 über sie zu berichten.

„Der Begriff lässt sich am ehesten mit Lebensmittelkooperative oder Lebensmittelgenossenschaft übersetzen und baut auf dem Konzept der Konsum­genos­sen­schaften des 19. Jahrhunderts auf. Die Idee dahinter: Menschen finden zusammen, die sich auf ähnliche Art ernähren möchten und ihre Lebensmittel direkt vom Erzeuger beziehen“ (Hannah Wagner: Food-Coops: Konsum mit gutem Gewissen, geo.de, 17.10.2012). In ganz Deutschland gab es solche Lebensmittelkooperativen; 1985 wurde ihre Zahl auf 300-500 geschätzt (Christoph Weinmann: Über Food-Coops. Lebensmittelkooperativen – Hintergründe, Grundsätze und Motivation, foodcoop-karlsruhe.de). Inzwischen gibt es auch vegane Food-Coops, zum Beispiel in Wien. Ein Artikel über „Strukturmerkmale, Bedeutung und Perspektiven“ findet sich auf foodcoops.de.

„Deutschlands ältester Bioladen ist das Schwarzbrot in Hamburg. 1972 gegründet als ‚Laden für makrobiotische Lebensmittel, Tee und internationale libertäre Zeitschriften‘. Es folgen Peace Food in Westberlin, das Makrohaus in Münster, La Tierra in München. […] Die Szene wächst schnell. 1980 sind es rund 300 Läden. Sie verkaufen Bio-Lebensmittel, Makrobiotisches, aber auch Räucherstäbchen oder Hemden aus Afghanistan. Die Läden sind Postadressen für zahllose Initiativen, die sich dort treffen. Die Öko-Bewegung boomt und mit ihr die Naturkostgeschäfte“ (20 Jahre Schrot & Korn – Die Bio-geschichte(n), Schrot & Korn 11/2005). „Die ersten Großhändler waren ab 1975 tätig und ab 1979 entstanden auch regionale Verteilergenossenschaften. Verkauft wurden zu jener Zeit vorwiegend vegetarische Nahrungsmittel. Diese musste der Kunde oftmals selbst in Kartons oder Säcke abfüllen. Darüber hinaus wurden aber auch Waren angeboten, die für einen alternativen Lebensstil standen […]. Außerdem bildeten die Naturkostläden kommunikative Treffpunkte, in denen die Basisarbeit von unterschiedlichen politischen Gruppen unterstützt wurde“ (Bio als neuer Lifestyle-Trend – von der Entstehung der ersten Bioläden bis zur heutigen Entwicklung, paradisi.de, 12.8.2010).

Ich bremse auch für Tiere – zum Stand der Tierrechtsbewegung, Die Eule Nr. 5, Sommer 1998, S. 17-22, S. 17. – Die Überschrift des Abschnittes lautet: „Vom Wandel des Veganismus“, davor heißt es: „Das Profil der veganen Gemeinde hat sich in den letzten Jahren entscheidend gewandelt. Erstarkte die Szene ab 1990 im wesentlichen durch junge AktivistInnen, die über Punk und Hardcore motiviert in Erscheinung traten und dabei auch auf ältere Strukturen des Radikaltierschutzes stießen, hat der Veganismus seinen Siegeszug durch die verschiedenen Schichten angetreten und im ursprünglichen Milieu eher an Bedeutung verloren.“ Vgl. auch unseren heutigen Facebook-Beitrag dazu.

Das Naturkostmagazin Schrot & Korn wurde bereits 1985 von Ronald Steinmeyer gegründet. Ausschlaggebend war eine Anregung des damaligen Naturkost e. V. (1982 von Herstellern und Händlern gegründet), dem eine Branchenzeitschrift fehlte. Gründungsidee war, Umwelt, Gesellschaft und Gesundheit durch die stärkere Verbreitung der Bio-Lebensmittel und den Naturkost-Konsum zu fördern. Heute ist es das auflagenstärkste kostenlose deutsche Naturkost­magazin.