3. Dezember:
Tofu-Tempel

Mitmachen und 5x Seitan-Medaillons gewinnen!

In Ostasien verband sich ein religiös und philosophisch begründeter Ve­ge­tarismus mit Leh­ren über eine gesunde Ernährungsweise, die zu einem langen Leben führt.

„Meine Liebe gehört den Kreaturen, die keine Füße haben; auch denen mit zwei Füßen; und eben­­­so denen, die viele Füße haben. Mögen alle Kre­a­tu­ren, alles Le­bende, mögen alle Lebe­we­sen, welcher Art auch immer, nichts erfahren, wodurch ihnen Unheil droht.“ Bei diesem Vers, so wird erzählt, handle es sich um den einzigen Text, den Siddhartha Gautama selbst nieder­ge­schrie­ben ha­ben soll. Der von ihm begründete Buddhismus entstand etwa gleichzeitig mit dem Jainismus in Indien und ver­brei­tete sich in den folgenden Jahrhunderten in Süd- und Ostasien. Auch unter Buddhisten spielt „Ahimsa“, das Prinzip des „Nichtverletzens“ anderer Lebewesen, eine wich­tige Rol­le: „Buddhisten, seien sie Laien oder Ordinierte, sind angehalten, sich je­glich­er Tat zu ent­halt­en, die menschliches oder nichtmenschliches Leid verursacht“, heißt es dazu im Lexikon der Mensch-Tier-Beziehungen. Ent­sprechend lautet die erste der fünf bud­dhis­tisch­en Ethikregeln: „Ich übe mich darin, keine fühlenden Wesen zu schädigen oder zu töten.“

Dies führt im Buddhismus zu verschiedenen tierfreundlichen Praktiken – am bekanntesten ist wohl die rituelle Befreiung von Tieren, eine feierliche Zeremonie, die sich in Taiwan, China, Ja­pan und Tibet großer Beliebtheit erfreut: Zur Schlachtung bestimmte Tiere werden auf dem Markt gekauft und dann in die Freiheit entlassen. Moderne Buddhisten betonen auch zuneh­mend den Aspekt der Umweltschäden, die mit der Fleischproduktion in Verbindung stehen. Das Buddhistische Zentrum Essen beispielsweise hat ein Nachhaltigkeitszertifikat erworben, und Susanne Konrad, die das Zentrum leitet, ernährt sich vegan – „das haben wir ja schon ge­tan, als es noch gar nicht so bekannt und verbreitet war. Da sind die Buddhisten aber auch un­ter­schiedlich“, sagte sie in einem im September erschienenen Interview.

Denn obschon Buddha im Laṅkāvatāra-Sūtra mit den Worten zitiert wird, Fleisch zu essen sei „in jeder Form, auf jede Weise, an jedem Ort, bedingungslos ein für alle Mal für alle verboten“, sind nicht alle Buddhisten Vegetarier. Im Theravāda-Buddhismus etwa, jener Tradition, die vor allem in Südostasien verbreitet ist, pflegen Mönche Fleisch zu essen, sofern es von Laien off­e­riert wird und nicht eigens für sie zubereitet wurde; dagegen leben die Mönche ost­asiatischer Ausrichtungen, beispielsweise im Zen-Buddhismus, strikt vegetarisch. Gerade in den bud­dhis­tisch­en Klöstern wurde die Zubereitung vegetarischer Gerichte zu einer wahren Kunst ent­wick­elt, vor allem in China.

Über die Seidenstraße gelangten ab dem Jahr 200 nicht nur viele neue Obst- und Gemüse­sorten ins Reich der Mitte, sondern auch der Buddhismus. Er wurde zunehmend populärer, und die Zahl der Vegetarier stieg. So hat die vegetarische Tradition Chinas ihren Ursprung zu einem großen Teil in der Tempelküche. Darun­ter versteht man das Essen, wie es traditionell in den buddhistischen und taoistischen Tempeln zubereitet wird. Viele Tempelküchen wurden im Laufe der Zeit durch ihre speziellen Zu­be­rei­tungs­techniken weithin bekannt. Beim so­ge­nannt­en „vegetarischen Bankett“ etwa werden die Speisen im Aussehen Hühnchen, Ente, Fisch und Schinken nachempfunden, unter anderem aus Tofu und Weizeneiweiß – so hat sich auch die jahrhundertealte Seitan-Tradition ent­wickelt. Für die chinesischen Zen-Mönche soll die Er­nähr­ung so beschaffen sein, dass sie die Ge­sund­heit erhält und die Le­bens­kraft stärkt. Das Ziel war von Anfang an das, was heute unter dem Schlagwort des Anti-Aging Furore macht, nämlich Ge­sundheit und langes Leben, chinesisch Yangsheng. Bereits in der Zeit vom 5. Jahr­hundert vor Christus bis 200 nach Christus wurden grundlegende Er­kennt­nisse über den Zusammen­hang zwischen Ve­ge­tarismus, Ge­sundheit und Lang­le­big­keit gewonnen“, schreibt die Sinologin Martina Hasse in ihrem Buch Die chinesische Tempel­küche. Denn die lange ve­ge­tarische Tra­di­tion in China ist nicht rein religiösen Ur­­sprungs: Von jeher spielte der Ve­ge­tar­is­mus auch inner­halb der heil­kräftigen und gesunden Küche eine wich­tige Rolle. Bereits im 10. Jahrhundert sind in Bianliang und Hangzhou vegetarische Res­tau­rants belegt, und schon da­mals begannen Köche damit, aus fleischlosen Zutaten Fleisch­ge­rich­te nachzukochen. Nicht nur in den Tempeln und an Höfen entwickelte sich eine ve­ge­tarische Küche, sondern auch un­ter dem Volk. So erschien bereits im 18. Jahr­hundert ein vege­tarisches Koch­buch mit 200 volks­tümlichen Rezepten.

„Das chinesische Volk verfügte schon seit alten Zeiten über Erfahrung und Wissen in der richtigen und gesunden Ernährungsweise und wusste, dass die vegetarische Küche ein ge­sun­des Leben garantiert“, so der chinesische Meisterkoch Ho Fu-Lung in seinem Buch über die vegetarische chinesische Küche, und in einem chinesischen Kochbuch aus dem Jahr 1988, in dem 600 originale Gerichte der berühmtesten Klosterküchen Sichuans vorstellt werden, heißt es: „Vergleicht man unsere Er­nährungs­gewohnheiten mit jenen des Westens, kommt man zum Schluss, dass wir uns noch in den Achtzigern im Prinzip vegetarisch ernährten. Dies ist auch der Grund, weshalb bei uns eine ganze Reihe von Krank­heiten, die mit einer hohen Fettzufuhr einhergehen, selten auftraten. Vegetarismus ist daher genau die richtige Methode, um gesund ein hohes Alter zu erreichen.“ Schließlich antwortet schon in einem Reimgedicht aus dem 17. Jahrhundert ein alter Chinese auf die Frage, wie er ein so hohes Alter erreicht habe, schlicht: Grünes Gemüse und Getreide.


Chinesische Tempelküche_9783038004981.jpgWie wäre es zum Jahreswechsel mit einer chinesischen Neujahrspfanne? Wir verlosen heute dreimal fünf Packungen Seitan-Medaillons, die man für dieses Rezept braucht. Die Ge­winner erhalten außerdem das erwähnte Buch zur chinesischen Tempelküche von Martina Hasse; darin finden sich in­te­res­san­te In­for­mation­en zur vegetarischen Tradition in China und vor allem viele Original-Rezepte aus den buddhistischen Tempelküchen des Landes!

Vegetariertum im Hinduismus – Quellen in alten Texten zu Ahimsa, vedanta-yoga.de.

Steven Rosen: Die Erde bewirtet euch festlich. Vegetarismus und die Religionen der Welt. Aus dem Amerikanischen übertragen von Hank Troemel, Satteldorf 1992, S. 113.

Julia Schilly: Darum sind nicht alle Buddhisten Vegetarier, standard.at, 27.2.2013.

Steven Rosen: Die Erde bewirtet euch festlich. Vegetarismus und die Religionen der Welt. Aus dem Amerikanischen übertragen von Hank Troemel, Satteldorf 1992, S. 100.

Das Laṅkāvatāra-Sūtra. Aus dem Sanskrit übersetzt von Karl-Heinz Golzio, buddhismus-deutschland.de, S. 133. – Dieses Werk ist eines der wichtigsten Sutras des Mahāyāna-Buddhismus; man nimmt an, dass es zwischen der ersten Hälfte des vierten und der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts entstanden ist, der Tradition nach gilt es allerdings als wörtliche Überlieferung des Buddha.

Martina Hasse: Die chinesische Tempelküche. Vegetarische Originalrezepte aus berühmten buddhistischen Klöstern. Rezepte für ein langes Leben. Fotografiert von Jan-Peter Westermann. 2. Auflage, Aarau, München 2012, S. 11.

Hasso Spode: Der Kreuzzug der „Kohlrabi-Apostel“. Die Ursprünge des Vegetarismus, NZZ Folio, April 1997.

Ho Fu-Lung: Die vegetarische chinesische Küche, Aarau 1992, S. 9.

Doreen Fiedler: Wo Fleischesser „Nicht-Vegetarier“ genannt werden, welt.de, 30.9.2014.

Günther Stolzenberg: Tolstoi, Gandhi, Shaw und Schweitzer: Harmonie und Frieden mit der Natur, Göttingen 1992, S. 68f.

Margarete Blümel: Indien: Weniger hinduistische Vegetarier, deutschlandfunk.de, 25.8.2016.

Sonia Phalnikar: Das Vogel-Krankenhaus von Delhi, dw.com, 1.3.2016.

Scott Hurley: Buddhismus, in: Arianna Ferrari, Klaus Petrus (Hg.): Lexikon der Mensch-Tier-Beziehungen, Bielefeld 2015, S. 60-62, S. 60.

Martina Hasse: Die chinesische Tempelküche. Vegetarische Originalrezepte aus berühmten buddhistischen Klöstern. Rezepte für ein langes Leben. Fotografiert von Jan-Peter Westermann. 2. Auflage, Aarau, München 2012, S. 7.

Für diese Essenerin ist Buddhismus der Weg zur Veränderung, nrz.de, 28.9.2017.

Eine Übersetzung des Gedichtes von Ye Gui (1666-1745) lässt sich hier einsehen.

Das Essen im Shaolin-Kloster (3), shaolin-reflection.blogspot.de, 1.12.2011.

Einen interessanten Vortrag von Jens-Uwe Hartmann, Professor für Indologie und Iranistik in München, kann man hier nachlesen.