5. Dezember: 
„Ich ess' Blumen“

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Zur selben Zeit, als im Osten unter dem Schlagwort „Ahimsa“ der Vegetarismus aufkam, ent­­wickelten sich auch im Westen ve­ge­tarische Ideen – zunächst unter religiösen und phi­­lo­­­so­phischen Zirkeln.

„Von jetzt an leb' ich gesund und bin zu Tieren fair“, sangen Die Ärzte 1988. Die Konsequenz: „Ich ess' Blumen“ – denn, so die Punkrock-Band: „Wenn's Würstchen noch so lacht, es ist aus Tier gemacht.“ Heut­zutage gibt es auch Wurst ganz ohne Tier, aber das war natürlich nicht immer so: Vegane Würstchen gab es in früheren Zeiten noch nicht – Ge­schichten über „Blu­men­esser“ dagegen schon. So berichtet bereits Homer, der früheste Dichter des Abend­lands, in der Odyssee vom Volk der „Lotos­esser“, die „blühende Speise genießen“. Und die muss wohl ge­schmeckt haben: „Wer nun die Honig­süße der Lotos­früchte gekostet, dieser dachte nicht mehr an Kund­schaft oder an Heimkehr: Sondern sie wollten stets in der Lotophagen Gesell­schaft bleiben, und Lotos pflücken.“

Dass man als Veganer nur noch „Blumen“ – oder „Gras und Steine“ – essen kann, ist ein ver­brei­tetes Klischee. „Wow, was kannst du denn dann überhaupt noch essen?“, ist eine häufige Reaktion, von der Amanda Rogers berichtet. „Darauf rattere ich dann meine eigene endlos lange Liste herunter und irgend­wann verstehen sie, dass Veganer genug Aus­wahl haben“, so die Sängerin. Im Musik­magazin Visions heißt es dazu: „Ist ja nicht so, als wäre Amanda Rogers die erste. Hätte Pythagoras vor gut 2.500 Jahren seinen Reisen Tourrider voraus­geschickt, dann hätten die ganz ähnlich ausgesehen wie ihre. Der alte Grieche war nicht nur Dreiecks­berechner und Philosoph, sondern auch der erste Musik­analytiker – und Ve­ge­ta­ri­er. Weil er an See­len­­wanderung glaubte, lehnte der Vater der Har­monie­lehre nicht nur Tierop­fer ab, sondern aß auch kein Fleisch. Und seine Fans machten es ihm nach.“

Während die antiken Erzählungen über Völker, welche sich wahl­weise von Wurzeln, Sprossen oder Früchten ernährt haben sollen, wohl eher mythologischen Charakter haben – wobei sich einige Forscher durchaus um die Lokalisierung dieser Stämme bemühten –, wird bewusster, ethisch motivierter Vege­tarismus im Westen wie im Osten erstmals im sechsten vor­christ­lich­en Jahr­hundert historisch greifbar, und Pythagoras war ohne Frage sein populärster Ver­treter. Doch was hatte es mit den Tier­opfern auf sich? „Auch Götter haben Hunger. Sie sind auf Men­schen angewiesen, die ihnen den Tisch decken. Fast in jeder Religion ist so etwas wie ein Altar vorgesehen, auf dem die Menschen den Göttern ihr Essen servieren“, erklärt ein kultur­ge­schicht­lich­es Buch den religiösen Brauch. Die blutigen Opfer riefen vieler­orts Kritik her­vor. In Indien wandten sich Religionen wie der Buddhismus oder der Jainismus gegen sie, und un­ge­fähr zur selben Zeit regte sich auch in Griechenland Widerstand dagegen.

Die Ernährung der frühen Griechen war überwiegend pflanzlich; sie wurden, wie es in einem Artikel zum Thema heißt, auch „Getreide­esser“ genannt. Weiter heißt es dort: „Das Fleisch aber, das man aß, war fast ausschließlich das Fleisch der bei Opfer­festen ge­töteten Tiere, also die Aus­nah­me-Nahrung.“ Bei den staatlichen Opfern wurden Tiere rituell ge­schlachtet, dann wurden den An­wesenden nach sozialem Status Fleisch­stücke zugeteilt. Die Opfer hatten eine wichtige gesell­schaftliche Funktion, ihre Ablehnung hatte daher eine „radikale Selbst­­aus­gren­zung“ zur Folge. Die ersten, die sich auf diese Weise gegen die traditionelle Ordnung stellten, waren die Orphiker. Mit diesem Begriff fasst man eine Viel­zahl autonomer Gruppen zusammen, die sich im sechsten vor­christlichen Jahrhundert in Griechen­land, im griechisch besiedelten Süd­italien und an der nördlichen Schwarz­meerküste ausbreiteten. Gemeinsam war ihnen, dass sie sich auf den mythischen Sänger und Dichter Orpheus beriefen, der mit seinem Ge­sang Menschen, Tiere und Natur besänftigt – „statt der Jagd auf lebende Tiere lehrt er die Menschen den Acker­bau und die Obst­zucht, damit sie sich tierischer Nahrungs­mittel enthalten“, so der Kul­tur­­historiker Robert Eisler. Wie später die Pythagoreer, lehnten sie auch Eier und Wolle ab, und wie sie bezeichneten sie ihren Vege­tarismus als die „Enthalt­ung von Be­seel­tem“.

Der „Satz des Pythagoras“ ist noch heute fester Bestand­teil des Mathe­matik-Unterrichts. Andere Sätze des Philosophen, der um 570 vor unserer Zeit­rechnung auf der griechischen Insel Samos geboren wurde, sind weniger bekannt: „Wer mit dem Messer die Kehle eines Rindes durch­trennt, der ist vom Ver­brechen nicht weit entfernt“, soll er etwa gesagt haben. Die An­sichten seiner Anhänger, die in einem gemein­samen Haus in einer Art Kommune ohne Pri­vat­be­sitz zusammenlebten, wurden allerdings als Kritik an der etablierten Politik an­ge­sehen, so dass die Pythagoreer politisch verfolgt wurden. Sie flüchteten ins süd­italienische Tarent, wur­den dann aber auch von dort ver­bannt. Dennoch hielten sich in Italien und Griechen­­land orphische und pytha­goreische Zirkel noch bis in früh­­christ­liche Zeiten. So berief sich etwa der grie­chische Phi­losoph Apollonios von Tyana, der im ersten Jahr­hundert lebte, auf Pythagoras, wenn er sagte, man dürfe „die Altäre nicht mit Blut be­flecken“ und eine ve­ge­­tarische Er­­nähr­ung empfahl.

„Es war diese Gesell­schaft nachweislich die erste in der abend­ländischen Welt, welche sich die Ent­haltung von der Fleisch­speise zum Gesetz machte; erst die asketischen christlichen Mönchs­­­or­den folgten später diesem Beispiele“, schrieb im 19. Jahrhundert der Vegetarier Ro­bert Springer in seinem Werk Enkarpa über die Pythagoreer. Ganz ähnlich wie in Asien wurden übrigens auch im Westen schon zu dieser Zeit nicht nur religiöse und ethische, sondern auch gesund­heitliche Gründe angeführt. So wiesen Ärzte, allen voran der berühmte Hippokrates, auf die negativen gesund­heitlichen Folgen des Fleisch­konsums hin. „Hippokrates ver­ordnete Fasten, Vollkornbrot, Obst und rohes Gemüse und steht somit heutigen Er­nähr­ungs­­emp­fehl­ungen er­staunlich nahe“, stellt der Ernährung­swissen­schaftler Claus Leitzmann fest, und in einem kultur­geschichtlichen Buch heißt es über den antiken Arzt: „Als sicherer Dia­gnostiker und Prognostiker sah er die Wechsel­wirkung von Er­nährung und Krank­heit klarer als die meis­ten seiner Kollegen. Man könnte allen Ernstes darüber nach­denken, ob ver­ant­wort­ungs­be­wusste Köche nicht Medizin studieren sollten, ob die Ideal­gestalt unter der weißen Krone nicht eine Mischung aus Koch­künstler und Internist wäre.“


Wie Gyros – aber ganz ohne Tier! Wir verlosen heute die vegane Variante des griechischen Klas­sikers: Fünfmal fünf Packungen Veganes Gyros. Ein winterlich-weihnachtliches Rezept mit diesem Produkt ist die Wheaty-Tajine.

Urs Dierauer: Vegetarismus und Tierschonung in der griechisch-römischen Antike (mit einem Ausblick aufs Alte Testament und frühe Christentum), in: Manuela Linnemann, Claudia Schorcht (Hg.): Vegetarismus. Zur Geschichte und Zukunft einer Lebensweise (Tierrechte – Menschenpflichten, Bd. 4), Erlangen 2001, S. 9-72, S. 11.

„Des Beseelten enthalte dich“, lautete ein „Hörspruch“ des Pythagoras (Christoph Riedweg: Pythagoras. Leben, Lehre, Nachwirkung. Eine Einführung. 2., überarbeitete Auflage, München 2007, S. 93).

Johannes Haussleiter: Der Vegetarismus in der Antike, Berlin 1935, S. 94f.

Manuela Gruber: Die Zukunft is(s)t vegetarisch: Der Wandel von einer fleischdominierten Esskultur zu einer vegetarischen Ernährungsweise, Hamburg 2013, S. 22.

Robert Springer: Enkarpa. Culturgeschichte der Menschheit im Lichte der pythagoräischen Lehre, Hannover 1884, S. 116.

Claus Leitzmann: Vegetarismus. Grundlagen, Vorteile, Risiken. 2., aktualisierte Auflage, München 2007, S. 32.

Karin Alt: Opferkult und Vegetarismus in der Auffassung griechischer Philosophen (4. Jahrh. v. Chr. bis 4. Jahrh. n. Chr.), in: Hyperboreus Vol. 14  (2008), Fasc. 2, S. 87-116, S. 88.

Britta Helm: Mund zu Mund: Vegetarismus und Musik, Visions 215, 2011, S. 56-63, S. 57.

Gert v. Paczensky, Anna Dünnebier: Leere Töpfe, volle Töpfe. Die Kulturgeschichte des Essens und Trinkens, München 1994, S. 250.

Karin Alt: Opferkult und Vegetarismus in der Auffassung griechischer Philosophen (4. Jahrh. v. Chr. bis 4. Jahrh. n. Chr.), in: Hyperboreus Vol. 14  (2008), Fasc. 2, S. 87-116, S. 104.

„Das Töten der Tiere, insbesondere auch der domestizierten Tiere, mit denen der Mensch zusammenlebte, war ja nicht nur ein Verstoß gegen das Leben, sondern vor allem gegen die häusliche Gemeinschaft von Mensch und Tier und forderte daher ein strenges Ritual unter Beteiligung der Götter. Nach festen Vorschriften, die je nach Gottheit und Anlass differieren konnten, wurde ein Teil des Tieres, meist Knochen, das Fett und die Eingeweide, für die Gottheit auf dem Altar verbrannt, während das Fleisch von den Teilnehmern am kultischen Ritual verspeist wurde“ (Wolfram Martini, Jochem Küppers, Manfred Landfester: Griechische Antike, in: Peter Dinzelbacher: Mensch und Tier in der Geschichte Europas, Stuttgart 2000, S. 29-86, S. 54). Auch hier heißt es, dass das Kultmahl „ursprünglich wohl die alleinige Gelegenheit des Fleischverzehrs darstellte“ (ebd., S. 55).

Helmuth M. Backhaus: Das Abendland im Kochtopf. Kulturgeschichte des Essens, München 1978, S. 16f.

Homer: Odyssee, 23. Kapitel, Neunter Gesang, V. 84, 94ff.

Von den afrikanischen Völkern der „Rhizophagen“, „Hylophagen“ und „Spermatophagen“ berichtet der griechische Geschichtsschreiber Diodor mit Berufung auf Agatharchides (Johannes Haussleiter: Der Vegetarismus in der Antike, Berlin 1935, S. 26).