6. Dezember:
Goldene Zeiten

Mitmachen und Vegane Nuggets gewinnen!

Nicht nur in der griechischen, auch in der römischen Antike gab es be­reits Menschen, die für Vegetarismus eintraten und Rechte für Tiere forderten.

Er stammt aus Lutetia – heute bekannter unter dem Namen Paris. Seit Gallien nach und nach ins Römische Imperium eingegliedert wird, ist dort ein Quartier Latin entstanden, ein rö­misch­es Viertel. Von da hat er wohl auch seine fixen Ideen und neumodischen Flausen mitgebracht. Denn während es die Aufgabe von Asterix ist, ihn zu einem tapferen gallischen Krieger aus­zu­bil­den, hat „Grautvornix“ ganz andere Interessen als Wildschweine zu jagen: „Völlig un­ver­ständ­lich für Obelix ernährt sich der Stadtjunge vegetarisch, schläft bis in die Puppen und ist be­kenn­en­der Pazifist.“ Schlimmer noch: Er will nur „bio-dynamisch“ angebaute Lebensmittel essen. Soweit zum Bild des Klischee-Vegetariers im Zeichentrickfilm Asterix und die Wikinger. Doch wie war es wirklich zur Zeit der alten Römer?

Dass Vegetarismus bekannt war, zeigt etwa eine Stelle bei Plautus. In einem der griechischen Stücke, die er fürs römische Publikum bearbeitete, macht ein Koch sich über Vegetarier lustig, die sich den Magen mit „Unkraut“ vollschlagen würden: „Ich wandle nicht auf Wiesenwegen, wie manche meiner werten Kollegen, die Gras und Kräuter präparieren, als gält' es, den Kühen zu servieren.“ Der Komödiendichter sparte auch sonst nicht mit Spott: Die Römer zog er kol­lek­tiv als pultiphagi, als „Breifresser“, auf. Und tatsächlich war das Hauptnahrungsmittel der Massen, wie überall, der Getreidebrei: Weizenkörner wurden zerstoßen, geröstet und in Wasser gekocht. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich damals, im zweiten vor­christ­lich­en Jahrhundert, auch auf dem Tisch bereits deutliche Klassenunterschiede abbildeten. „Der Römer ist nicht ‚der‘ Römer“, stellt eine archäologische Zeitschrift fest: Da war die bäuerliche Küche auf der einen, die der urbanen Oberschicht auf der anderen Seite – und dazwischen fand der tägliche Überlebenskampf der als mittelloses Proletariat in die Städte abgewanderten ehemaligen Kleinbauern statt. Der berühmte Tafelluxus war den Reichen vorbehalten. Sie pro­fi­tiert­en vom mit der Ausdehnung des Imperiums einhergehenden Import zahlreicher neuer Nah­rungs- und Genussmittel. Gegen den neuen Luxus traten die Wahrer der mores maiorum, der Sitten der Vorfahren, auf den Plan, die den puls, den traditionellen Brei, zum Symbol der „gu­­ten alten Zeit“ verklärten.

Auch der steigende Fleischverbrauch stieß auf Kritik. Die Tieropfer nahmen immer größere Aus­maße an. So wurden anlässlich der Thronbesteigung des Kaisers Caligula im Jahr 37 inner­halb von drei Monaten 160.000 Rinder auf dem Kapitol zu Ehren des Jupiter Maximus ge­op­fert. Die Opfer wurden bei den häufigen Festen durch Beamte und Staatspriester oder auf eigene Rechnung durch Privatpersonen vollzogen. „Das verbleibende Fleisch überstieg ge­le­gent­lich offenbar den Hunger der Kultteilnehmer, wie aus dem Verkauf von Opferfleisch her­vor­geht. Für den begüterten Römer war der Genuss von Fleisch etwas Alltägliches“, heißt es in einem Buch zum Thema. Der Dichter Ovid, der um die Zeitenwende herum lebte, kritisierte die blutigen Opfer und erhob die Getreidenahrung zum Kennzeichen des „Goldenen Zeitalters“. Dabei handelt es sich um ein in der Antike verbreitetes Motiv einer Epoche, in der die Men­schen nicht nur gesund alt wurden, sondern auch vegan lebten. „Jene vergangene Zeit, die wir doch die ‚Goldene‘ nennen, ist mit den Früchten der Bäume und dem, was der Boden her­vor­bringt, glücklich gewesen und hat ihren Mund nicht mit Blute besudelt“, heißt es in Ovids Metamorphosen. Dem Mythos zufolge, den die Römer von den Griechen übernommen hatten, waren die sozialen Verhältnisse in diesem Urzustand ideal und die Menschen perfekt in ihre na­tür­liche Umwelt eingebettet; erst im „Eisernen Zeitalter“ werden der private Landbesitz ein­ge­führt, Bodenschätze ausgebeutet, und der Friede zwischen Menschen und Tieren geht ver­lor­en. „Dann aber entstand plötzlich ein eisernes Geschlecht, und das wagte erstmalig, das tod­bringende Schwert zu schmieden“, liest man noch bei Cicero.

Besonders eindrücklich schrieb der griechische Schriftsteller Plutarch, der im Römischen Im­per­i­um zum Zeitpunkt seiner maximalen Ausdehnung, im ersten Jahrhundert, lebte, gegen das Fleischessen an. Der erste Teil seines Traktats De esu carnium beginnt mit den Worten: „Du fragst mich, aus welchem Grunde Pythagoras sich des Fleischessens enthalten habe? Ich dagegen möch­te wissen, welche Leidenschaft, welche Gemütsstimmung oder welcher ver­nünfti­ge Grund den Menschen bestimmte, der zuerst Blut mit dem Munde be­rührte und das Fleisch eines toten Tieres an seine Lippen brachte!“ Man könnte, heißt es weiter, für diese Men­schen als Ur­­sache noch die Not an­geben: Der Hunger habe sie dazu ge­bracht, in einer Zeit, wo man „Baum­rinde nagte, und wo es ein Glück war, frisch keim­en­des Gras oder eine saftige Wur­zel zu finden“ – in der jetzigen Zeit je­doch sei dies an­gesichts des Über­­flus­ses an pflanzlich­er Nahrung nicht mehr nötig. Hört man sich beide Teile (etwa auf YouTube) an, so stellt man fest, dass die Ansichten des antiken Autors in Teilen recht modern klingen.

Kein Wunder: „Plutarch berief sich in Sachen ‚Tier‘ zwar auf Pythagoras, die Seelenwanderung spielte bei ihm aber nur eine Ne­ben­rol­le“, wie es im kürzlich erschienenen Tierethik-Comic heißt – entscheidend sei für ihn ge­we­sen, dass Tiere nicht für den Menschen geschaffen sind, sondern um ihrer selbst willen ex­is­­tie­r­en: „Um eines Stückchens Fleisch willen rau­ben wir ih­nen Sonne, Licht und Le­ben, für die sie doch ge­schaffen sind“, schrieb er. Ge­nauso sah es auch der neu­pla­to­nische Philo­soph Porphyrios, der im Jahr 263 nach Rom über­sie­del­te. Aus der Er­kenntnis heraus, dass die Tiere mit uns ver­wandt sind, sprach er sich sogar schon für Tier­rechte aus – und ent­kräft­ete auch gleich Ar­gu­men­te, die uns in der Tier­rechts­de­batte seit dem 19. Jahr­hun­dert er­neut und bis heute be­gegnen, wie etwa jenes, dass, wer den Be­griff des Rechts auf die Tiere aus­dehnen wolle, den Rechts­be­griff zer­störe, oder das Vor­ur­teil, dass damit der Mensch ab­ge­wertet werde: „Wer sich vom Genuss der Tier­welt kon­se­quent ent­hält, ob­gleich sie ihm minder eng ver­­wandt ist, der wird sich um so mehr der Ver­letz­ung seines ei­genen Ge­schlechts ent­hal­ten“, so seine Position. Tiere seien uns in Allem ähn­lich, seien ver­ständig, ver­nünftig und vor allem zu Ge­fühlen fä­hig. So fragte er: „Ist nicht unser Schmecken der Speisen, unser Sehen der Dinge, un­ser Rie­chen der Düfte, unser Hören der Töne, unser Gefühl für Wärme und Kälte und so weiter ganz so wie bei den Tie­ren?“, um dann zu schreiben: „Wer sei­ne Ver­wandt­schaft mit der Tierwelt anerkennt, der wird auch gegen kein Tier un­ge­recht sein können.“ So weit ent­fernt von den An­­sicht­en mo­­der­ner Ve­ge­ta­ri­er, welche die Co­mic­­zeichner der Figur „Grautvornix“ über­gestülpt haben, wa­ren manche Menschen, die im Im­pe­ri­um Romanum leb­ten, also in Wirklichkeit gar nicht.


Tierethik.jpgMit etwas Glück bricht in eurer heimischen Fritteuse bald ein neues goldenes Zeitalter an: Wir verlosen heute vier große Wheaty-Pakete voller Nuggets! Mit ihnen lässt sich zum Beispiel ganz leicht eine vegane Va­ri­ante des Caesar Salad machen. Jeder Ge­win­ner erhält außerdem ein Ex­emp­­lar des Tierethik-Comics von Julia Kockel und Oliver Hahn.

Manuela Linnemann (Hg.): Brüder – Bestien – Automaten. Das Tier im abendländischen Denken (Tierrechte – Menschenpflichten, Bd. 3), Erlangen 2000, S. 26f.

Johannes Haussleiter: Der Vegetarismus in der Antike, Berlin 1935, S. 60.

Porphyrius: Vier Bücher von der Enthaltsamkeit. Ein Sittengemälde aus der römischen Kaiserzeit. Aus dem Griechischen mit einer Einleitung und Anmerkungen von Eduard Baltzer, Nordhausen 1869, S. 87.

Ovid (Publius Ovidus Naso): Metamorphosen. In deutsche Hexameter übertragen und mit dem Text herausgegeben von Erich Rösch, München 1964, S. 561.

Gudrun Gerlach: Zu Tisch bei den alten Römern. Eine Kulturgeschichte des Essens und Trinkens. Sonderheft 2001 der Zeitschrift „Archäologie in Deutschland, Stuttgart 2001, S. 10.

Julia Kockel, Oliver Hahn: Tierethik. Der Comic zur Debatte, Paderborn 2017, S. 23.

Marcus Tullius Cicero: Vom Wesen der Götter: 3 Bücher. Lateinisch – deutsch, Berlin 1990, S. 333.

Wolfram Martini, Jochem Küppers, Manfred Landfester: Römische Antike, in: Peter Dinzelbacher: Mensch und Tier in der Geschichte Europas, Stuttgart 2000, S. 87-144, S. 115.

Johannes Haussleiter: Der Vegetarismus in der Antike, Berlin 1935, S. 387. – In einer anderen Übersetzung findet sich die Stelle aus dem Dritten Akt des Pseudolus hier.

Jakob Nienstedt: „Asterix und die Wikinger“: Hip-Hop im Gallierdorf, stern.de, 11.5.2006.

Deutsches Asterix Archiv: Grautvornix, comedix.de, 23.3.2013.

Das Motiv taucht schon bei Hesiod auf, und schon bei ihm ist ein Hauptmerkmal dieser Zeit, dass die Erde von selbst die benötigte Nahrung hervorbringt; „nicht aßen sie Korn“ schreibt er dagegen über das dritte, eiserne Geschlecht. Ähnliche Vorstellungen finden sich bei den Orphikern, die davon ausgingen, dass in jener Zeit ihre eigene gewaltfreie Lebensweise allgemein praktiziert worden sei. Bei Empedokles heißt es über das goldene Zeitalter, mit „Stierblut ward kein Altar benetzt, sondern dies galt bei den Menschen als größter Frevel, Leben zu rauben und edle Glieder hineinzuschlingen“. Auch Platon und Aristoteles griffen das Motiv auf, ebenso andere römische Dichter wie Vergil und Horaz.

Porphyrios: Von der Enthaltsamkeit beseelter Wesen, Drittes Buch, 26, in: Heike Baranzke, Franz-Theo Gottwald, Hans Werner Ingensiep (Hg.): Leben – Töten – Essen. Anthropologische Dimensionen, Stuttgart, Leipzig 2000, S. 161.

Porphyrius: Vier Bücher von der Enthaltsamkeit. Ein Sittengemälde aus der römischen Kaiserzeit. Aus dem Griechischen mit einer Einleitung und Anmerkungen von Eduard Baltzer, Nordhausen 1869, S. 102.