9. Dezember:
Blasse Veganer?

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Da die Ernährung einiger unliebsamer religiöser Gruppen pflanzenbasiert war, galt Ve­ge­ta­ris­mus der Kirche in der Spätantike und im Mittelalter vor allem als eins: Als ein Hinweis auf „Ketzertum“.

„Welche Rolle spielt der Vegetarismus im Christentum? Im amtlichen Kirchenchristentum gar keine. In allem häretischen Christentum dagegen eine große“, schrieb Carl Anders Skriver, ei­ner der wenigen Veganer in der frühen Bundesrepublik. Wie am 7. Dezember erwähnt wurde, ris­kier­ten vegetarische Christen bereits ab dem 4. Jahrhundert, als Häretiker verfolgt zu wer­den. Das hatte zunächst vor allem mit den Manichäern zu tun. Der Manichäismus ist ein syn­kre­tis­tisch­es Glaubens­system, das im Rah­men der spät­an­ti­ken, re­ligions­über­greifenden Strö­mung der Gnosis ent­stand. Er passte sich im Wes­ten dem Christen­tum, im Osten dem Bud­dhis­mus an, wes­halb er sehr erfolg­reich und eine ernst­hafte Konkurrenz für die christ­liche Kir­che war. Die Lehre Manis ist Dualismus in Reinform: In der noch heute sprich­wört­lich­en mani­chäisch­en Welt­sicht stehen sich das göttliche Lichtreich und das Reich der Finsternis in ab­so­lu­ter Gegner­schaft gegen­über; doch un­glück­licher­weise sind im Rahmen des Schöpfungs­aktes Teile des Lichtes in der Ma­terie eingeschlossen worden. Umgekehrt beschreibt der gnostische Erlösungsmythos, wie die in der Menschheit zerstreute Geistsubstanz sich aus der Herrschaft der dunklen kosmischen Mächte befreien und zu ihrem göttlichen Ursprungsort, ins gnos­tische „Paradies“, zurückkehren kann.

Der Elite der Manichäer, den „Electi“, die die strikte Befolgung aller strengen Vorschriften auf sich nehmen, wird die Erlösung gleich nach ihrem Tod zuteil; die Seelen der anderen werden so lange reinkarniert, bis sie in den Körper eines solchen „Auserwählten“ eingehen. Die ma­ni­chä­ische Ethik äußert sich we­sentlich in negativer Form, nämlich in der Forderung, alles zu ver­meiden, was das in allem Kör­per­lich­en ent­haltene Licht schä­di­gen könnte – dazu zählte nicht nur das Quälen und Tö­ten von Tie­ren, sondern auch je­gliche Schä­di­gung der Na­tur. So er­nähr­ten sie sich vegan. Da auch pflanzliche Nahrungsmittel nicht vollständig ohne Schä­di­gung­en zu ge­winnen seien, wurde diese Auf­gabe den „Zweite-Klas­se-Mani­chäern“, den „Au­di­to­res“, über­­tragen. Sie be­reiteten die Speisen in auf­wändigen Ri­tu­alen zu – dafür ver­gaben die „Electi“ ihn­en die „Sün­den der Nah­rungs­be­schaf­fung“. Weiter­hin wurde, wie es in einem Buch zum The­ma heißt, „die Hilfs­konstruktion ein­geführt, dass der Durch­gang durch den reinen Leib ei­nes Electus für die von ihm ver­zehrten Ve­ge­ta­bi­li­en keine ‚Schä­di­gung‘, sondern im Gegen­teil Läu­te­rung bedeute“. Im Klar­text heißt das: Mittels der Ver­dauung werde das Licht von der Fin­s­­ter­­­nis ge­schied­en, und durch Ge­sang und Ge­bet könne es wieder zu Gott zurück­kehren. Eine skurrile Vor­stellung.

Für Augustinus, der als einer der wichtigsten katholischen „Kirchenväter“ gilt, klang das wohl aber zunächst nicht unvernünftig: Er war selbst ein „Hörer“ der Manichäer, der die Ehre hatte, für seine auserwählten Glaubensbrüder Nahrung zubereiten zu dürfen. Nach seiner Bekehrung zum Christentum wurde er allerdings, wie das oft der Fall ist, zu einem ihrer heftigsten Gegner. In seinem „Gottesstaat“ polemisiert er dann auch gegen den Vegetarismus: An einer Stelle geht es ums biblische Gebot „Du sollst nicht töten“ und darum, dass „manche dieses Gesetz sogar auf Tiere, wilde und zahme, auszudehnen“ versuchten; was dann folgt, sind „Ar­gu­men­te“, die auch heutigen Veganern noch bekannt vorkommen dürften: „Warum dann nicht auch auf die Kräuter und was sonst mit der Wurzel im Erdboden Nahrung und Halt sucht?“ Weil Tiere „uns nicht durch die Vernunft gleichgestellt“ seien, dürfe man sie töten. Augustin redete sich ein, dass „nach des Schöpfers gerechtester Anordnung ihr Leben und ihr Tod der Zweck­mäßig­keit für uns unterstellt“ sei. Die Manichäer wurden im weiteren Ver­lauf der Geschichte ver­folgt und ausgerottet. Auf einer Synode in Portugal hat Papst Johannes III. im Jahr 561 schließ­lich sogar Ve­ge­tarier mit einem „Bann­fluch“ belegt.

Auch noch, nachdem der Manichäismus aus Europa verschwunden war, hielt sich die Be­zeich­nung „Manichäer“ als polemischer Ausdruck für „häretische“ Strömungen. Zunehmend wurden diese aber auch als „Ketzer“ bezeichnet. Der Begriff geht zurück auf das lateinische Wort cathari und bezeichnete ursprünglich die Katharer, eine Weiterbildung der in Bulgarien im 10. Jahr­hun­dert entstandenen Bogomilen. Mit den „Reinen“ erschien um 1140 ein ernst­zu­neh­men­der Konkurrent für die katholische Kirche des Westens. Von einer ersten Gruppe in Köln wird berichtet, dass „Milch und Milchprodukte ebenso wie Fleisch verboten“ gewesen seien. Im Ver­lauf von sieben Jahren gab es Nachrichten über weitere Katharer in Bonn, Lüttich, in der Champagne und im Périgord. Die Verbindung dieser Punkte ergibt eine etwa 1000 Kilometer lange Linie: Das Phänomen hatte europäische Dimensionen erreicht, und für den Klerus war es Zeit, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. 1147 zog ein Kreuzzug gegen die Katharer nach Süd­frank­reich. Die Katharer selbst, meist einfache Weber, verstanden sich als bessere Kirche, als „wahre Christen“, und kritisierten die Dekadenz des katholischen Klerus. Dieser wiederum dif­famierte sie als Teufelsanbeter: Die im Mittelalter bekannte Deutung ihres Namens war nicht etwa „die Reinen“, sondern wurde von cattus abgeleitet: Die Katharer würden angeblich bei ihren geheimen Zusammenkünften einer Katze oder einem Kater den Anus küssen, und das Tier sei dabei eine Erscheinungsform des Teufels. Dieses Motiv, so absurd es auch war, sollte sich bis zum Hexen­wahn der Frühen Neuzeit halten.

Auch bei den Katharern wurden die meisten Tier­produkte ab­ge­lehnt. Liest man ent­sprech­ende Quellen, erfährt man Er­schreckendes, zum Teil auch Er­staun­lich­es – zum Bei­spiel, dass es das Klischee vom blassen Ve­ganer be­reits vor 1000 Jahren gab: „Durch die Bischofsver­sammlung in Goslar im Jahre 1051 wurden meh­re­re als Ketzer zum Tode ver­ur­teilt, weil sie sich ge­weigert hatten, Hühner zu tö­­ten: Denn es ent­spräche den An­schau­ungen der Katharer, kei­ne Tie­re zu tö­ten. Ja selbst das Aus­seh­en der An­ge­schul­dig­ten ge­nüge, sie als Ketzer zu ver­ur­tei­len, weil ihre Blässe zu­rück­zu­füh­ren sei auf den der Le­bens­führ­ung der Katharer ent­sprech­en­den aus­schließ­lichen Genuss von Pflanzen­nahrung.“


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Darin heißt es: „Wenn jemand Fleischspeisen, die Gott den Menschen zum Genuss gegeben hat, für unrein hält und so, nicht um seinen Leib zu kasteien, sondern weil er sie sozusagen für unrein hält, auf sie verzichtet, dass er nicht einmal vom Gemüse, das mit Fleisch gekocht wurde, kostet, wie es Mani und Priscillian sagten, sei er mit dem Bannfluch belegt“ (Quellentext 9: Anathemata gegen die Priscillianisten und andere Häretiker, in: Geheime Schriften mittelalterlicher Sekten. Ausgewählt, eingeführt und herausgegeben von Petra Seifert. Übersetzt aus dem Lateinischen von Manfred Pawlik, Augsburg 1997, S. 138-140, S. 140).

„Non comedunt carnem nec ova nec lac“ (Ignaz von Döllinger: Beiträge zur Sektengeschichte des Mittelalters, Zweiter Theil: Dokumente vornehmlich zur Geschichte der Valdesier und Katharer, München 1890, S. 295).

Augustinus: Gottesstaat 1,20.

Carl Anders Skriver: Die vergessenen Anfänge der Schöpfung und des Christentums, Lübeck-Travemünde 1977, S. 9.

Hans Jakob Polotsky: Manichäismus, in: Geo Widengren (Hg.): Der Manichäismus (Wege der Forschung, Band CLXVIII), Darmstadt 1977, 101-144, S. 132.

Volker Henning Drecoll, Mirjam Kudella: Augustin und der Manichäismus, Tübingen 2011, S. 42.

„Sie enthielten sich – ähnlich wie heute die Veganer – aller aus tierischer Zeugung hervorgegangener Produkte: Fleisch, Milch, Eier, mit Ausnahme von Fisch, der als Wasser-geboren angesehen wurde“ (Stephan Quensel: Ketzer, Kreuzzüge, Inquisition. Die Vernichtung der Katharer, Wiesbaden 2017, S. 131f.).

Gerard P. Luttikhuizen: Gnostische Erklärungen der Genesiserzählung, in: Jürgen Tubach, Armenuhi Drost-Abgarjan, Sophia Vashalomidze: Sehnsucht nach dem Paradies. Paradiesvorstellungen in Judentum, Christentum, Manichäismus und Islam (Studies in Oriental Religions, Vol. 59), Wiesbaden 2010, S. 71-81,  S. 79.

Paul von Hoensbroech: Das Papsttum in seiner sozial-kulturellen Wirksamkeit. Volksausgabe, Leipzig 1904, S. 35.

Offenbar hielt sich der Vegetarismus allerdings in gewissen Schichten. In einem Brief, der auf den Zeitraum zwischen 1043 und 1048 datiert wird, berichtet Bischof Roger II. von Châlons dem Bischof Wazo von Lüttich von Bauern in einem Teil seiner Diözese. Diese „vermieden nicht nur das Fleischessen, sondern glaubten, jede Tötung eines Tieres sei sündhaft“, mit Berufung auf das Tötungsverbot des Alten Testaments. Er suchte von Wazo Rat darüber, ob er diese Leute dem weltlichen Schwert ausliefern sollte (Heinrich Fichtenau: Ketzer und Professoren. Häresie und Vernunftglaube im Hochmittelalter, München 1992, S. 28). Wazo sprach sich in seiner Antwort übrigens für Exkommunikation aus und schrieb, der Bischof von Châlons solle nicht so handeln wie jene Franzosen, die Leute wegen ihrer bleichen Gesichtsfarbe zu Häretikern erklärten und ermordeten (ebd., S. 30).

Die erste überlieferte Hinrichtung eines „Häretikers“ ist die von Priscillian im Jahr 385 in Trier. Bis zu diesem Zeitpunkt war die höchste Kirchenstrafe die Exkommunikation gewesen; fortan drohten Abweichlern Verbannung, Folter oder Tod. Priscillian hatte sich für strikten Fleischverzicht, für die Gleichstellung der Geschlechter und gegen die Sklaverei ausgesprochen; die Bewegung, die er gegründet hatte, bestand trotz Verfolgung noch bis ins 7. Jahrhundert hinein. In der Folgezeit traten immer wieder Laienbewegungen mit ähnlichen Überzeugungen auf. Von diesen mittelalterlichen Sektenbildungen sind die Waldenser die einzige, die noch heute Anhänger hat. Die erste sicher bezeugte Verbrennung von „Häretikern“ im „christlichen Abendland“ fand 1022 in Orléans statt, wo Hofgeistliche der Domkirche verurteilt wurden. Ein Mönch schrieb damals über sie: „Sie enthielten sich des Genusses von Fleisch und Fett, wie wenn das unreine Dinge wären“ (Heinrich Fichtenau: Ketzer und Professoren. Häresie und Vernunftglaube im Hochmittelalter, München 1992, S. 39).

Heinrich Fichtenau: Ketzer und Professoren. Häresie und Vernunftglaube im Hochmittelalter, München 1992, S. 79.