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Der kleine Orang-Utan ist länger von seiner Mutter abhängig als jedes andere Tier. Ein Jahr lang ist das Kind in ständigem Körperkontakt zur Mutter, mindestens drei Jahre wird es von ihr getragen, etwa fünf Jahre lang gestillt – der Orang-Utan hat die längste Kindheit aller Tiere. Jeder von ihnen lernt auf diese Weise, zwischen eintausend und viertausend Pflanzen zu unterscheiden und einzuordnen – in essbare, ungenießbare, giftige und heilsame. Die fünf von der BOS betreuten Orang-Utans, für die wir eine Patenschaft übernommen haben, sind Waisen. Sie besuchen die „Waldschule“ in der BOS-Station Nyaru Menteng; diese liegt 28 km entfernt von Palangkaraya, der Hauptstadt Zentral-Kalimantans und befindet sich in einem über 62 Hektar großen Tiefland-Torfwald. Die Nahrungsbedingungen dort sind perfekt für die jungen Tiere; die Schule bietet alles, was Orang-Utans auch in der Wildnis vorfinden würden. Hier stehen etwa der Nestbau, das Erkennen von essbaren Früchten und das Sozialisieren auf dem Stundenplan. So lernen sie alles, was sie später, nach ihrer Auswilderung, benötigen werden.

 

Apokalypse für Affen

 

Im Jahr 1963 beschrieb Pierre Boulle im Roman Planet der Affen eine fiktive Welt, in der die anderen großen Menschenaffen sich zur Herrschaft über die Menschen erhoben hatten. Die Realität im Jahr 2014 sieht anders aus: Schon ist von einem Planet ohne Affen die Rede; denn wir sind momentan im Begriff, das direkte Bindeglied in unserer eigenen Entwicklungsgeschichte auszulöschen. Besonders drastisch ist die Situation der einzigen Menschenaffen Asiens. Wie fossile Funde zeigen, gab es eine Zeit, in welcher Orang-Utans, in ihrem Körperwuchs größer als heute, in ganz Südostasien verbreitet waren, inzwischen gibt es sie nur noch auf Borneo und Sumatra, zwei der insgesamt rund 17.000 Inseln des indonesischen Archipels. Noch heute haben die Affen eine ungeheure Körperkraft, sie sind etwa siebenmal so stark wie durchschnittliche menschliche Erwachsene. Im 2007 erschienenen Orang-Utan-Report Die Denker des Dschungels heißt es: „Wenn man sieht, wie einfach es einem Orang-Utan fällt, ganz ohne technische Hilfsmittel eine Kokosnuss zu knacken, muss man sich wundern, dass die roten Primaten es überhaupt für nötig hielten, Werkzeuge zu erfinden. Es wäre Menschen unmöglich, die Frucht ohne eine Machete oder ein ähnliches Gerät zu öffnen.“ Aber das Affenvolk wehrt sich nicht gegen jene, die es verdrängen und vernichten.

 

Der Name „Orang-Utan“ stammt aus dem Malaiischen und bedeutet so viel wie „Waldmensch“. Ursprünglich hatten die malaiischen Küstenbewohner die Einwohner aus dem Inneren der Insel mit diesem Namen bedacht. Die Übertragung auf den großen Menschenaffen rührt daher, dass viele Völkerstämme, die in den Lebensräumen der Menschenaffen zuhause waren, diese nicht als Tiere betrachteten, sondern nur als fremdartige wilde Menschen. Und nicht nur den Ureinwohnern Borneos und Sumatras ging es so, auch die ersten europäischen Entdecker, die im 17. Jahrhundert diese Inseln erreichten, waren sich beim Anblick eines Orang-Utans nicht sicher, ob es sich dabei tatsächlich um Affen oder um verwilderte Ureinwohner handelte. Das erste Mal bezeichnete ein Holländer namens Nicholas Tulp im Jahre 1641 einen Affen als Orang-Utan – es handelte sich dabei allerdings um einen Schimpansen. 1712 verfasste der englische Kapitän Daniel Beeckman einen Bericht über seine Reise nach Südborneo, der eine detaillierte Beschreibung eines tatsächlichen Orang-Utans enthält: „Es gibt viele Arten von Affen, Menschenaffen und Pavianen, die alle stark in der Form voneinander abweichen. Die bemerkenswertesten unter ihnen sind auf alle Fälle die Orang-Utans. Sie sind bis zu sechs Fuß groß, bewegen sich aufrecht auf ihren Füßen, besitzen längere Arme als die Menschen und haben ein einigermaßen erträgliches Gesicht.“ Die Eingeborenen seien fest davon überzeugt, dass sie ursprünglich Menschen gewesen, aber wegen ihrer Gotteslästerungen in Tiere verwandelt worden seien.

 

Das Erbgut von Orang-Utans stimmt zu 97 Prozent mit dem unseren überein. Sie haben die Fähigkeit, neue Verhaltensmuster zu entwickeln, die zum Allgemeingut einer ganzen Gruppe werden und in dieser Population von Generation zu Generation, von den Müttern an die Kinder, weitergegeben werden: Sie haben Kultur. Dazu gehört etwa die Fertigung und Nutzung komplexer Werkzeuge sowie die Beherrschung von Sprache. Bisher habe man angenommen, Kultur sei ein exklusives Gut von Menschen und Schimpansen und vor sechs bis sieben Millionen Jahren entstanden, hieß es in einer Aufsehen erregenden Studie, die das Fachmagazin Science im Januar 2003 veröffentlichte. Durch die Erkenntnis, dass die Ursprünge der Orang-Utan-Kultur rund 14 Millionen Jahre zurückliegen, reichen auch die kulturellen Wurzeln der Menschen weiter in die Vergangenheit zurück als gedacht.


Verfolgung, Verschleppung, Vernichtung

 

Schon der holländische Arzt Jakob de Bondt schrieb 1658 über eine Orang-Utan-Frau, sie habe so viele „menschliche“ Handlungen vorgenommen, „dass man ihr nichts menschliches als die Sprache absprechen konnte. Doch, sagen die Javaner, sie könnten wohl sprechen, sie täten es nur deswegen nicht, damit man sie nicht zwänge zu arbeiten.“ Heute werden Orang-Utans zu den schmutzigsten Arbeiten gezwungen. So sind etwa auf Borneo in einigen Bordellen neben 50-Cent-Huren ganzkörperrasierte Orang-Utan-Frauen zu haben. In einem dieser Schuppen beschlagnahmte die BOS Pony. Die zum Anschaffen gezwungene Affenfrau wartete, mit Schmuck behängt und geschminkt, an ihrer Fußkette auf Freier, trank Bier und bediente den CD-Spieler des Bordells. Die Geschichte der „Waldmenschen“ ist eine Geschichte von Verfolgung, Verschleppung und Vernichtung. Der Mensch stellt ihnen nach, erlegt sie, verzehrt sie. Neben der Lust auf Affenfleisch sorgte auch ein Ritual der kopfjägerischen Dayak für Blutvergießen: Als die weißen Kolonialherren ihnen untersagten, Menschenschädel als Trophäen zu sammeln, wurden Orang-Utans als legaler Ersatz entdeckt. Trotzdem gingen die Bestandszahlen nur langsam zurück. Erst Mitte der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts brachen drei Katastrophen kurz hintereinander über die roten Affen hinein. Das Verhängnis begann mit einer Zunahme der Nachfrage nach kleinen Orang-Utans, die immer mehr an Fahrt gewann. In den 1980er- und 90er-Jahren kam das Gemetzel dazu, das mit der großflächigen Zerstörung der Regenwälder einherging. Mit dem Beginn des Palmöl-Booms gewann das Morden noch einmal an Fahrt und erreichte seit der Jahrtausendwende mit der explosiven Expansion der Ölpalmenplantagen ein geradezu apokalyptisches Ausmaß. Derzeit frisst sich eine Feuerwalze durch Borneo, die gewaltige, sogar aus dem Weltraum sichtbare Rauchwolken in den Himmel über der Insel aufsteigen lässt. Die Brände sollen Platz für Palmölplantagen schaffen.

 

Borneo war erstmals im Jahr 1600 von Holländern betreten worden. 1776 wurden die ersten Orang-Utans verschleppt; meist starben sie schon beim Transport. Die Überlebenden landeten in Zoos auf der ganzen Welt. Einer der roten Affenfrauen, die 1837 London erreichte und dort zur Schau gestellt wurde, gab man den Namen „Jenny“. Im Frühjahr 1838, ein Jahr vor ihrem Tod durch Lungentuberkulose, besuchte Charles Darwin sie. In seinen Notizbüchern finden sich Anmerkungen über ihre außerordentliche Intelligenz. Darwin notierte: „Der Mensch glaubt in seiner Arroganz, dass er ein großes Werk ist“ – es sei aber „demütiger und, wie ich glaube, auch wahrhaftiger, ihn als Abkömmling von Tieren zu betrachten.“

 

Andere Naturforscher dagegen schossen Orang-Utans als Trophäen für Museen – darunter Darwins Zeitgenosse Alfred Russel Wallace, der unabhängig von Darwin eine Evolutionstheorie entwickelte. Er berichtete, dass die Orang-Utans vor Menschen nicht flüchteten: „Wenn ich einen gesehen hatte, musste ich oft eine halbe Meile und weiter gehen, um mein Gewehr zu holen; trotzdem fand ich ihn nach meiner Rückkehr fast stets auf demselben Baum oder innerhalb eines Umkreises von ein paar hundert Fuß.“ Eine Orang-Utan-Frau erschoss er mit drei Schüssen. Dann bemerkte er ihr Kind, das mit dem Kopf im Sumpf lag. „Dieses kleine Geschöpf“, schrieb er, „hatte augenscheinlich am Hals der Mutter gehangen, als sie vom Baum herabfiel.“ Weiter: „Es hatte noch keinen einzigen Zahn; doch kamen einige Tage darauf die beiden unteren Vorderzähne zum Vorschein. Unglücklicherweise konnte ich keine Milch schaffen, da weder die Malaien noch Chinesen noch Dayak dieses Nahrungsmittel verwenden, und vergeblich bemühte ich mich um ein weibliches Tier, welches mein Kleines säugen könnte. Ich sah mich daher genötigt, ihm Reiswasser aus der Saugflasche zu geben.“ Das funktioniert zunächst; nach drei Monaten aber stirbt der kleine Orang-Utan. Wallace schreibt: „Der Verlust meines kleinen Lieblings, den ich fast drei Monate besessen und groß zu ziehen gehofft hatte, tat mir außerordentlich leid. Monatelang hatte er mir durch sein trolliges Gebaren und seine unnachahmlichen Grimassen das größte Vergnügen bereitet.“ Noch heute werden Orang-Utans zur bloßen Unterhaltung gefangen gehalten. In den 1980er-Jahren muss die durchschnittliche Orang-Utan-Dichte in der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh höher gewesen sein als auf Boreo: Nach einer TV-Seifenoper, in der ein rotes Affenkind als ideales Haus- und Kuscheltier dargestellt wurde, gab es eine sprunghafte Nachfrage nach Orang-Utan-Babys. Allein die Seifenoper hat wohl 5.000 bis 6.000 Orang-Utans ausgelöscht.

 

Im Inferno

 

Was als Haustierfang begann, hat inzwischen die Züge eines Genozids angenommen. 1985 verfügte der damalige indonesische Diktator Suharto die Industrialisierung der Palmölproduktion – mithilfe ihm verbundener Konzerne und ausländischer Investoren. Der Staat vergab riesige Holz- und Ölpalmkonzessionen in den Regenwaldgebieten. Heute erzählt der Dayak-Häuptling Sina Sinam, wie vor über hundertzwanzig Jahren die ersten weißen Holländer in die Stammesgebiete der Bevölkerung Borneos eindrangen: „Wir kämpften gegen die Fremdlinge, versenkten ihre Schiffe und weigerten uns, mit ihnen Handel zu treiben.“ Im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts kamen die ersten Holzfäller mit Kettensägen, aber noch gab es genügend Urwald, der die Dayak mit allem Lebensnotwendigen versorgte. Doch: „Das änderte sich 1997. Viele Menschen von anderen indonesischen Inseln fielen bei uns ein und vernichteten unsere Wälder wie Ameisen ein Stück verrottetes Holz. Sie legten Brände, und beißender Qualm hüllte unsere Siedlungen ein.“ Resigniert berichtet er: „Der Wald, in dem unser Volk seit Menschengedenken gelebt hat, ist verschwunden.“

 

Wie nach einem Einsatz von Napalmbomben sieht das Gebiet aus, in dem die Palmölkonzerne gewütet haben. 1997 und 1998 töteten zwei Großfeuer etwa ein Drittel aller Orang-Utans auf Borneo. Mit der großflächigen Zerstörung der einmaligen Wunder-Wälder geht ein „Schlussverkauf“ der Tiere einher, die das Kettensägenmassaker überlebt haben. Wie die Jakarta Post im März 2003 berichtete, wechseln alleine in der Hauptstadt in einem Jahr Tiere für rund 600 Millionen US-Dollar den Besitzer. In Ost- und Zentral-Kalimantan kann man Zeuge eines Umwelt-Desasters werden und erleben, wie Orang-Utans verschleudert, verstümmelt, gequält und getötet werden. – „Und immer wieder wird offenbar, dass die Verelendung der Natur die der Menschen nach sich zieht“, heißt es im Orang-Utan-Report der BOS: Allein in Indonesien, wo 45 Millionen Menschen in Wäldern leben, hat die Palmölindustrie gut 5000 Land- und Menschenrechtskonflikte verursacht. Um Platz für Palmölplantagen zu schaffen, wird Regenwald abgeholzt und werden die dort lebenden Menschen mit Gewalt vertrieben.

 

2005 stieg Palmöl erstmals zum weltweit wichtigsten Pflanzenöl auf. Es befindet sich inzwischen in jedem zweiten Produkt in unseren Supermärkten. Allein der Lebensmittelkonzern Nestlé verbraucht jährlich 320.000 Tonnen. Die Welternährungsorganisation FAO schätzt, dass 2030 doppelt so viel angebaut werden wird wie heute. Beim Handel mit dem Holz und dem Öl, die den Tod der Orang-Utans mit sich bringen, handelt es sich um ein riesiges Geschäft. Es gibt Menschen, die sich daran stören, wenn viel Aufhebens um Tiere gemacht wird, während gleichzeitig Menschen verhungern. Im Orang-Utan-Report heißt es über sie: „Tiere sind für diese Leute unterschiedslos Kreaturen zweiter Klasse, die dazu bestimmt sind, dem unendlich weit über ihnen stehenden Menschen als Nutztiere, Haustiere, Schlachttiere, Zootiere zu dienen, als Kavalleriepferde, Bergwerkponys, Minenhunde oder Versuchskaninchen. Diese Leute wollen in der Regel nicht wahrhaben, dass es unter den Tieren solche gibt, die uns sehr nahe stehen.“ Sie sollten endlich begreifen, was der Dayak-Häuptling Sina Sinam in die Worte fasst: „Heute haben wir erkannt, dass die Orang-Utans und wir Leidensgenossen sind. Auch wir werden ohne den Regenwald nicht überleben können.“

 

Zum Weiterlesen:

Gerd Schuster, Willie Smits, Jay Ullal: Die Denker des Dschungels. Der Orangutan-Report; Bilder, Fakten, Hintergründe, Königswinter 2007.

Patenschaft bei der Borneo Orangutan Survival Foundation (BOS): https://www.orangutan.de/werden-sie-pate.

Schmutziges Öl: Die Wheaty-Palmöl-Recherche.

Ist Bio-Palmöl besser?